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08. Februar 2011

Das Lob der Melancholie

Das Tango- und Klezmer-Ensemble Hot & Cool um Petra Müllejans legt seine neue CD vor.

  1. Petra Müllejans, Claudia von der Goltz, Rainer Schwander, Bernhard von der Goltz, Uwe Schachner (v.l.) Foto: pr

Der Griff in die Schublade funktioniert hier nicht. Zum Glück. Denn es ist zwar einfach, Musiker dort nach Genres abzulegen: hier Klassik, da Jazz, dort Pop. Doch die Interessantesten waren nicht selten die, die zwischen den Genres wanderten. Und sich auch ihre Neugier bewahrt haben. Wie das Ensemble Hot & Cool, das unter dem Titel "Meschugge" wieder eine CD mit Tango- und Klezmermusik offeriert. Unter anderem mit Petra Müllejans und Mitgliedern der Musikerfamilie Von der Goltz. Doch selbst wenn sich die Schubladen jetzt noch so verführerisch öffnen – mit dem Freiburger Barockorchester hat diese Platte nun so gar nichts zu tun. Dafür auch viel mit musikantischer Kultur auf höchstem Niveau.

Dass da nicht nur Spitzenmusiker agieren, sondern dass sie es schon seit über 20 Jahren gemeinsam tun, das merkt man ihren Stücken an. Zum Beispiel gleich den ersten beiden Tangos, mit denen Hot & Cool ein filigranes Argentinienbild erstehen lässt. Stilsicher, unaufdringlich und dennoch mit dem Charme des unakademischen Musizierens dialogisieren in "Union civica" Rainer Schwanders Sopransaxophon und Petra Müllejans’ Violine. "Jascha" dagegen ist vor allem ein Von-der-Goltz’sches Familienprojekt; ein Nuevo Tango im Geiste Astor Piazzollas, komponiert von Bernhard von der Goltz, der als Gitarrist und Arrangeur ein wichtiger Teil im Hot & Cool-Getriebe ist.

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Wenn es so etwas wie ein emotionales Bindeglied gibt zwischen den Tangos und der Klezmer-Musik, dann ist es sicher die Melancholie. Beide Musikstile haben sich im Ghetto entwickelt – wobei der Begriff hier mehr soziologisch als räumlich verstanden werden will. Und doch sind beide Musikstile offen für Einflüsse aus ihrer Umgebung, was beim Klezmer zu einer wunderbaren Melange aus jüdisch-osteuropäischer Klangkultur geführt hat. Die CD "Meschugge" wirkt wie ein Loblied darauf, indem sie die Lebendigkeit dieser Musik betont. Nicht nur durch ihren klanglichen Charme, sondern vor allem auch mittels eigener Arrangements und Kompositionen sowie den Rückgriff auf Stücke, die Tango und Klezmer auf einer anderen Ebene reflektieren. Wie etwa dem Broadway oder der Salonmusik. Da denkt man an das gute alte Caféhaus mit seinen Ensembles, wenn man Jo Knümanns wirkungsvolles Potpourri "Rumänisch" mit Petra Müllejans als "Primás" und Uwe Schachner, am Cello dahinschmelzend, hört. Oder auch Rainer Schwanders "Meeschugge", das dank Akkordeon auch nach Crossover in unterschiedlichste Richtungen klingt – auch in Richtung "Mee" (unterfränkisch: Main).

Einen Kontrapunkt zum instrumentalen Gewebe setzt Claudia von der Goltzens zarter, introvertiert innig klagender Sopran, dem man die langjährige Erfahrung mit jiddischen Liedern anmerkt. Stücke wie "A jiddische Mame" oder "Dem Milners Trern" (Die Tränen des Müllers) gehen auf ganz berührende Weise unter die Haut. So wie schließlich auch das Wiegenlied – "Lullaby" – von Bernhard von der Goltz in seiner Schlichtheit und Schönheit der Melodie: kleine Musik – ganz, ganz groß.
– Meschugge. Hot & Cool – Extraordinary Tango and Klezmer Music. CD-Präsentation am 12.2., 12 Uhr, Buchhandlung Rombach, Freiburg. Konzert am 12.2., 20 Uhr, Christuskirche, Freiburg.

Autor: Alexander Dick