Oper

"Das Wunder der Heliane" im Freiburger Konzerthaus

Heinz W. Koch

Von Heinz W. Koch

Mo, 24. Juli 2017 um 00:01 Uhr

Klassik

Also sprach Giacomo Puccini, der es wissen musste: "Er hat so viel Talent, dass er uns mit Leichtigkeit die Hälfte davon abgeben könnte und trotzdem noch genug für sich zurückbehielte."

Und Richard Strauss wandelten "Ehrfurcht und Furcht" an, wenn er an Erich Wolfgang Korngold dachte. Der war damals ganze elf Jahre alt. 23 war er, als er mit der Oper "Die tote Stadt" einen Welterfolg zu Wege brachte. Die konzertante Freiburger Bemühung gilt indes dem umfänglichen Dreiakter "Das Wunder der Heliane": ein neuer Beitrag zur Reihe mit heute nur selten gespielten Werken.

Viel Betrieb auf dem Konzerthauspodium. Das Philharmonische Orchester in Riesenbesetzung, mit sieben Schlagwerkern, 15 Bühnenmusikern von draußen, dazu Klavier, Celesta, Harmonium und Orgel. Obendrein 14 "seraphische Stimmen" und, von Bernhard Moncado exzellent vorbereitet, Opern- und Extrachor des Theaters und Bachchor-Mitglieder. Klar, Korngold schrieb keine Musik, die sich ängstlich duckt. Was im Sinfoniekonzert noch einmal zu hören sein wird, ist Musik, die vernehmlich ihre Stimme erhebt, ein tönender Strom, klingende Lava, eine Musik, die in tausend Farben schillert. Strauss ist in der Tat nicht weit, in glücklichen Momenten auch Puccini nicht, und Franz Schreker scheint über all dem zu wachen.

Alles gerät Korngold zur Melodie, und er versteht es aufs Raffinierteste, diese Melodie zu "inszenieren", kunstvoll zu verknüpfen, zu variieren – ob sie nun tobt oder ob sie sich als Kammerkunst gebärdet, die Dissonanz bloß als Tüpfelchen auf dem i nutzt. Und Helianes zentrale Arie "Ich ging zu ihm" nimmt es mit den großen Eingebungen der Operngeschichte auf. Dass Korngolds Gigantismus 1927 fast zu spät kam, ist gewiss auch der Retro-Haltung des Komponisten zuzuschreiben – und ebenso sicher dem bis zur Lächerlichkeit verquasten Libretto-Schwulst, den Hans Müller nach einen Mysterienspiel von Hans Kaltneker gestaltete.

Heliane ist die Einzige, die einen Namen trägt: die unberührte Gattin des "Herrschers" (Königs), eine Art heilige Erotikerin, die sich zur Messiasgestalt des jungen "Fremden" hingezogen fühlt, der den Menschen das verbotene Lachen und die Liebe predigt und dafür im Kerker schmachtet. Das Wunder ist der Beweis ihrer Reinheit: Im Gottesgericht erweckt sie den Fremden aufs Neue zum Leben. Nichts steht der Himmelfahrt des in Liebe vereinten Paars mehr entgegen.

Diese Musik ist kantabel. Die Heliane – in Wien sang sie damals eine Sopranlegende wie Lotte Lehmann – ist eine spektakuläre Partie. Im Konzerthaus präsentiert sich die Niederländerin Annemarie Kremer: ein Mezzo-Timbre eher, das sich allerdings brillant nach oben öffnet und alle die weiten, gewundenen Bögen mit langem Atem und größter Bravour bewältigt. Enorm! Mit raumgreifendem, sonor-markantem Bariton staffiert Aris Argiris den Herrscher aus. Stimmige Besetzungen sind Katerina Hebelkovás Botin, Frank van Hoves bassklarer Pförtner oder Nutthaporn Thammathi mit gefestigtem Tenor als blinder Schwertrichter. Das vokale Problem der Aufführung ist der renommierte Tenor Ian Storey. Er trägt nicht dick auf, intoniert immer wieder sehr kultiviert und besinnt sich auch immer wieder aufs Piano. Nur vermittelt er in keinem Augenblick den Eindruck, da singe ein junger Mensch.

Sie alle werden nicht selten von den Orchestermassen bedrängt. Fabrice Bollon, der beharrliche Verfechter der Raritätenserie, lässt zu oft volles philharmonisches Rohr zu: drei Stunden im Vollrausch des Klangs. Er beherrscht die singenden und musizierenden Truppen souverän, strukturiert das Werk überlegen, schärft sein dramatisches Profil, hämmert die Tutti-Schläge, hat das Gespür für Korngolds Steigerungen. Dennoch möchte man ihm auch zurufen: Zurückhaltung ist keine Schande, die Hinwendung zum Mezzoforte nicht ehrenrührig. Gewaltiger Applaus.

Eine weitere Aufführung ist am morgigen Dienstag, 25. Juli, um 19 Uhr.