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21. Dezember 2011 14:06 Uhr

Der Dirigent Teodor Currentzis und die SWR-Sinfoniker

Der Systemkritiker

Der Grieche Teodor Currentzis ist neuer Erster Gastdirigent der SWR-Sinfoniker. Körpersprache bedeutet ihm viel – und ein spontanes, emotionales Musikverständnis. Ein Porträt.

Das Ganze hat etwas von einer Séance. Da sitzen um 100 erwachsene Menschen zusammen und spüren kaum hörbaren Klängen nach – mal mehr Ton, mal mehr Geräusch. Die Anweisungen dazu geben zwei Herren mit nicht immer ganz einfach zu verstehenden Beschreibungen. Was nach spiritualistischer Sitzung aussieht, ist schlicht die letzte Viertelstunde einer Probe des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg für ihr heutiges Konzert zusammen mit dem Dirigenten Teodor Currentzis und dem Komponisten Dmitri Kourliandski, der die komplexen, avantgardistischen spieltechnischen Anweisungen zu seiner neuen "Nosferatu"-Suite erläutert. Da wirkt der Dirigent mitunter etwas zurückhaltend, lässt dem Schöpfer der neuen Musik klar den Vortritt. Wenig zuvor noch, bei der Suite zu Schostakowtischs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" ist ein ganz anderer, geerdeter Teodor Currentzis am Pult: mit klarer, konsequenter und sehr impulsiver Schlagtechnik und einem rechten Fuß, der vom peitschenden Puls der Musik schier mitgerissen wird. Die Körpersprache des Dirigenten, das wird er wenig später im schmalen Dirigentenzimmer des Freiburger Konzerthauses erzählen, ist für ihn ein wichtiges Kriterium.

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Vor zwei Jahren hat der 39-Jährige erstmals mit den SWR-Sinfonikern ein gemeinsames Programm erarbeitet. So überzeugend, dass ihm nun der Posten des Ersten Gastdirigenten angetragen wurde. Die Wertschätzung indes ist gegenseitig. "Ich mag dieses Orchester sehr", sagt er, "denn es hat eine große Tradition in Neuer Musik". Und das mache ein Orchester flexibel. "Mit so einem Orchester sind ganz andere Herangehensweisen an die traditionelle Musik möglich. Ich denke, dass es eines der besten Orchester Deutschlands ist."

Das Kompliment ist fern von Schmeichelei. Im Gespräch wirkt Currentzis abgeklärt, beinahe unemotional, wie ein Schachspieler, der in Gedanken schon die nächsten drei Züge formuliert. Möglicherweise hat das etwas mit seiner Ausbildung und langjährigen Tätigkeit in Russland zu tun. Die ersten beiden Jahrzehnte seines Lebens in seiner Heimatstadt Athen, wo er am Nationalen Konservatorium erst Violine und später Dirigieren studierte, scheinen eher den Melancholiker in ihm geweckt zu haben. Richtig prägend war sein Studium in St. Petersburg bei Ilya Musin, der eine ganze Dirigentengeneration geprägt hat. Musin starb 1999, und mit ihm, so Currentzis riss diese ganze Tradition ab. Was sehr bedauerlich sei, denn "es war die fortschrittlichste russische Dirigentenschule". Pultstars gingen aus ihr hervor, wie Semyon Bychkov, Yury Temirkanov oder Valery Gergiev. Currentzis war sein letzter Schüler. Und dann kommt er auf das Thema Körpersprache: "Musin verstand es, die Körpersprache eines jeden Einzelnen individuell weiterzuentwickeln." Wohlgemerkt die eigene: "Man kann nicht die eines anderen imitieren." Musins Devise habe gelautet: Lass Deine Fantasie sprechen! Dirigieren bedeute Freiheit und gleichzeitig Disziplin. Denn: "Musik ist nicht nur Klang. Sie ist Emotion, Gefühl."

"Keine Hoffnung mehr

für Griechenland"

Currentzis’ Erfolg spricht dafür, dass er als Dirigent die Ratschläge seines Lehrers genau umzusetzen weiß. Von 2004 bis 2010 war er Chefdirigent der Oper in Nowosibirsk. Mit eben jener eisernen Disziplin und Konsequenz und dem Charisma des von seiner Arbeit Besessenen machte er von dort die Fachwelt auf sich aufmerksam. Angebote bedeutender Orchester von München bis Hamburg blieben nicht aus. Weiter entwickelte sich eine bis heute anhaltende enge Beziehung zum Freiburger Balthasar-Neumann-Ensemble, mit dem er im Festspielhaus Baden-Baden "Carmen" und "Così fan tutte" produzierte. Durchschlagenden Erfolg hatte sein phänomenales Dirigat der Weinberg’schen Oper "Die Passagierin" bei den Bregenzer Festspielen 2010. Nun soll er neben dem neuen Chefdirigenten François-Xavier Roth das künstlerische Profil des SWR-Sinfonieorchesters mit prägen. Vorgesehen sind zunächst zwei Programme pro Saison. Dass der Prokofjew-Spezialist Currentzis dessen sinfonisches Werk besonders ausleuchten wird, ist klar. Außerdem wird er, mit Blick auf seine Erfahrungen in der Neuen Musik, ein Orchesterkonzert bei den nächsten Donaueschinger Musiktagen leiten.

Wie viele Kollegen seiner Generation will auch Currentzis ein Dirigent jenseits des Spezialistentums sein. Keine Schwerpunkte? Die Antwort verblüfft. "Ich finde, Volksmusik ist das Wichtigste." Vor allem die des Mittelalters und der Renaissance. Sie stehe nicht nur am Beginn der Musik, sondern auch dem der Menschheit: "Volksmusikanten können Geschichten erzählen, akademische Musik nicht." Auch das habe wieder viel mit Körperlichkeit zu tun, weil Volksmusikanten eben nicht einen intellektuellen Zugang zur Musik pflegten. "Vor diesem Hintergrund ist es mir wichtig, dass Barockmusik ein klein wenig folkt", sagt er. "Und wenn man diese Sprache versteht, kann man sich auch auf einem anderen Weg der Romantik nähern." Zu der unser Zugang durch die Interpretationen des 20. Jahrhundert so erschwert sei. Currentzis plädiert für eine unverbrauchtere Herangehensweise: "A little bit more naïve..." Und plötzlich blitzt aus seinen Augen ein Energiestrahl, als die Frage nach dem Konsum unserer Gesellschaft von Musik im Raum steht. "Das", empört er sich, "ist der größte Fehler unserer Kultur: dass kaum noch gesungen, musiziert und getanzt wird." Die Schuld daran trage die globalisierte Musikindustrie, die alles Improvisierte, Spontane verhindere. Currentzis geht andere Wege. Er lässt seine Musiker von Profitänzern die Tanzschritte von Sarabande oder Gigue zeigen. "Denn Sie können nicht Bach-Suiten spielen, wenn Sie nicht wissen, wie man sich zu den Tänzen dieser Zeit bewegt."

Wer Teodor Currentzis genau zuhört, entdeckt viel Unzufriedenheit mit dem bestehenden System. Um wieder mehr Spontaneität zu erreichen, mehr Ursprünglichkeit, plädiert er für eine radikale Veränderung des Probensystems bei den Orchestern. Die Musiker bräuchten mehr Zeit für mehr Kreativität. Mehr Zeit, um tiefer in die Stücke, in ihre Spiritualität einzutauchen. Dabei klingt er indes nicht wie ein Revolutionär, sondern eher wie der Melancholiker, in dem noch ein Flämmchen Hoffnung glüht. Einmal allerdings erlischt diese vollends: Als es um die Krise in seiner Heimat geht. Sie sei von den mächtigeren Ländern des Kapitalismus verursacht, deren Strategie des Geldverleihens Griechenland mehr und mehr in eine ausweglose Situation getrieben habe. "Greece has nothing now." Auch keine Hoffnung mehr. Vielleicht hat sich Teodor Currentzis schon deswegen vor vielen Jahren für die Musik entschieden.
– SWR-Sinfoniekonzert: Leitung: Teodor Currentzis, Donnerstag, 22. Dezember, 20 Uhr, Konzerthaus Freiburg. Karten Tel. 0761/496 8888

Autor: Alexander Dick