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30. Juni 2015

Die Angst vor Küssen

Freiburg: Sommerserenade der Camerata Vocale.

Früher sei alles besser gewesen, behaupten manche Leute ja pauschal. Auf den Komponisten Karlheinz Stockhausen jedenfalls mag dieses Qualitätsurteil zutreffen – auf die Phase, als der spätere "Licht"-Mann noch keineswegs im Esoterik-Nebel stocherte, sondern tatsächlich belichtete Musik ablieferte. Solide, ja originelle Tonkunst von einem veritablen Kunstmacher, einem Artifex. Stockhausens "Armer junger Hirt", der leider Angst vor Küssen hat ("als wären sie Bienen"), ist ein derart gelungenes Stück. Die Camerata Vocale Freiburg sang diese Verlaine-Vertonung aus Stockhausens Studienzeit jetzt bei ihrer Sommerserenade im Kaufhaussaal. So, wie das Opus von 1950 komponiert ist: mit Esprit und Humor. Die Camerata bot ein Programm mit europäischer Chormusik, das sie demnächst in Südkorea präsentieren möchte, wo Freiburgs Camerata-Chef Winfried Toll auch als Leiter der Camerata Vocale Daejeon wirkt. Zudem gilt es, einen Breisgau-Besuch von 2014 zu erwidern.

Beiträge der Romantik und Moderne aus Deutschland, Österreich, Frankreich und England von, sagen wir, Mendelssohn bis eben Stockhausen. Apropos Mendelssohn: Derart mit angezogener Handbremse hat man dessen "Abschied vom Walde" noch nie gehört. Jene schöne, populäre Eichendorff-Versinnlichung in Es-Dur, bei deren "Andante" jedwede Tändelei ausdrücklich zu vermeiden ist, wie der Zusatz "non lento" sonnenklar fordert. War das Tempo hier ausnahmsweise etwas fragwürdig, so stimmte, wie immer bei der Camerata, diesem semiprofessionellen Freiburger Spitzenchor, der runde, wohlige, fein austarierte Klang. Welch hohes Gut für ihn Klanggestaltung und -formung sind, unterstrich Toll bei dieser Gelegenheit erneut.

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Ein Fest der Farben

Man vernahm Chormusik, gerade aus dem anspruchsvollen A-cappella-Repertoire, wie nicht anders zu erwarten, interpretatorisch auf exzellentem Niveau: das Schwebende bei Anton Weberns "Entflieht auf leichten Kähnen", die getragene Feierlichkeit von Robert Lucas Pearsalls achtstimmigem Grabgesang "Lay a garland" oder das Debussy-Schillern bei dessen "Trois Chansons". Die Camerata feierte ein Fest der Farben, zu dem choreigene Solisten ihr Scherflein beisteuerten.

Den Rahmen des klug komponierten Programms, dem einzig ein italienischer Farbtupfer noch gut zu Gesicht gestanden hätte, bildeten klingende Impressionen aus dem – gar nicht immer lustigen – Zigeunerleben. Hatte Schumanns "Zigeunerleben" anfangs für die diesbezügliche Einstimmung gesorgt, so wurde das Thema dann erst bei den Brahms’schen Zigeunerliedern am Schluss als Tableau ausgebreitet: mal wuchtig, mal keck, mal sanft, melancholisch und besinnlich. Bisweilen gab es da auch energiegeladene Ursprünglichkeit, bei welcher der mehr als 40-köpfige Chor in Sachen Klangvolumen in diesem Saal allerdings doch eine Grenze berührte. Am Klavier begleitete Daniel Roos sehr versiert, zuverlässig und, wo erforderlich (Brahms!), kraftvoll. Keine Frage, für den Ausflug nach Fernost ist die Camerata gerüstet. Pünktlich zur Sommerserenade war sogar der Sommer zur Stelle. Und alles war sehr gut. Oder genauer: fast alles.

Autor: Johannes Adam