Ein Großer beim Lernen

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Sa, 30. Juni 2018

Klassik

Seitenpfade des Sinfonikers: Klavierwerke Anton Bruckners mit Ana-Marija Markovina auf CD.

Wüsste man es nicht, man käme kaum drauf, wer diese Musik komponiert hat: Anton Bruckner – als er aber noch nicht der uns bekannte große Bruckner war. Klavierwerke aus seiner Feder? Nie gehört. In diese Lücke stößt jetzt die Pianistin Ana-Marija Markovina, die sich der Sache angenommen hat. Nicht weniger als 13 Ersteinspielungen sind darunter. Meist Petitessen aus der Zeit vor 1862, als Bruckner als Sinfoniker noch überhaupt nicht die Szene betreten hatte. Man erlebt den späteren Meister der großen Form vielmehr auf dem Feld der Miniatur. Beim Experimentieren, beim – man muss es so prosaisch sagen – Lernen. Tüchtiger Domorganist in Linz war Bruckner damals, der sich in dieser Lebensphase die Musikgeschichte gleichsam eroberte und gerade dabei war, Richard Wagner für sich zu entdecken. Die f-Moll-Messe, das F-Dur- Streichquintett und primär natürlich die gigantischen zur musikalischen Weltliteratur zählenden Sinfonien: All dies entstand ja erst später.

Die hier versammelten Klavierstücke sind mehr oder weniger Schülerarbeiten – hübsch, aber nicht originell. Kompositorische Finger- und Lockerungsübungen. Oft hört man aus dieser Musik andere Komponisten heraus. So ist beispielsweise im g-Moll-Sonatensatz von 1862, dem längsten Beitrag dieser kleinteiligen Scheibe, einiger Schubert drin – und zwar der Schubert der Wandererfantasie. Der Es-Dur-Walzer wäre zwischen Schubert und Chopin anzusiedeln. Das "Thema in F-Dur" trifft ziemlich genau den lyrischen Ton von Robert Schumanns "Kinderszenen". Überhaupt der Ton: Bruckner ist da mitunter auch nah bei der musikalischen Volkskunst seiner Heimat. Die Quadrillen-Heiterkeit C-Dur: Nie würde man damit Bruckner assoziieren. Die Interpretin spielt überaus versiert und farbig, auch wenn der Flügel anfangs überraschend unromantisch und (zu) metallisch klingt. Gelungen und interpretatorisch schlüssig obendrein das Zusammenwirken mit dem Kollegen Rudolf Meister bei den vierhändigen Stücken.

Wir bleiben hier unterdessen beim Zweihändigen. Und schmunzeln bei "Thema und Variationen in G-Dur" – ist da doch zu beobachten, wie Bruckner sich das Genre und die Technik der musikalischen Veränderung erarbeitet. Ein Fugato, eine Moll-Variation – fast wie aus dem Lehrbuch das alles. Andernorts immer wieder der imaginäre Dialog mit Komponistenkollegen. Etwa mit Chopin beim poetischen Titel "Stille Betrachtung an einem Herbstabend" in fis-Moll. Das Andante in d-Moll gleicht einem Nachtstück. Bruckners späterer Personalstil aber, man weiß es, klingt völlig anders. Davon kann diese rundum verdienstvolle CD per se noch nicht künden. Eine für den Musikfreund doch durchaus informative Scheibe, die auf absoluten Seitenpfaden des Repertoires einen großen Komponisten beim eher Einfachen zeigt. Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen...

Bemerkenswert, dass just das um 1868 entstandene finale As-Dur-Stück namens "Erinnerung" zumindest ein bisschen in die Zukunft weist: Geschickt orchestriert könnte man sich mit ein bisschen Fantasie diesen Fund sogar in einer Bruckner’schen Sinfonie vorstellen...

Anton Bruckner: Piano Works. Ana-Marija Markovina, Klavier (Hänssler Classic).