Eine Kunst wider das Vergessen

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Di, 04. Oktober 2016

Klassik

"Max Reger zu Ehren": Die Camerata Vocale Freiburg widmete dem vor 100 Jahren gestorbenen Komponisten ein hochkarätiges Projekt in der Kirche St. Johann.

Er ist der Todeskomponist. Wie kein zweiter Kollege seiner Zeit hat sich Max Reger künstlerisch mit den letzten Dingen, Tod und Ewigkeit befasst. Unterm Motto "Max Reger zu Ehren" widmete Winfried Tolls Camerata Vocale Freiburg dem vor 100 Jahren 43-jährig gestorbenen Spätromantiker nun ein exklusives Projekt.

Dabei erklangen in der gut gefüllten Pfarrkirche St. Johann die Eichendorff-Adaption "Der Einsiedler" op. 144a und das "Requiem" op. 144b nach Friedrich Hebbel – Kreationen von 1915, dem vorletzten Lebensjahr Regers und somit aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Preziosen, auf die der Komponist selber stolz war, die aber in unserem Konzertbetrieb zu Unrecht ein Schattendasein fristen.

Ihrem Charakter nach sind beide Werke Meditationen in vergleichbarer Besetzung. Den nachdenklichen und kontemplativen Ton traf der exzellent geschulte Chor wunderbar klangsinnlich. Dass Toll unermüdlich am Klang feilt, trägt auf höchstem Niveau Früchte. Wie sich beim d-Moll-Requiem mit dem außerliturgischen Text die Musik aus dem Orgelpunkt heraus entwickelt: Dies darzulegen gelang den hervorragenden Instrumentalisten des Kammerorchesters Basel mustergültig. Wobei die Reger-Beiträge in Arrangements des Frankfurter Hochschulprofessors Gerhard Müller-Hornbach zu hören waren. Eines Bearbeiters, der es klug versteht, Regers Personalstil, in den Meininger Orchestererfahrungen eingeflossen sind, auch in feinfühlig verkleinerter Form vollends und farbig zum Sprechen zu bringen. Nie empfand man die orchestrale Reduktion als Einschränkung. Wenn es im "Einsiedler" heißt "Der Tag hat mich so müd gemacht", dann verbalisiert der rastlose Reger die eigene Befindlichkeit. Und wo der choralaffine Komponist ein Kirchenlied als zusätzlichen Sinnträger integriert: Es entging einem nicht.

Ohne dass Regers Musik je ins Schwitzen geriete, favorisiert Toll bei seinem Dirigat Expressivität. Und das nah am Text. Wo im Requiem vom Umschweben die Rede ist, hört man es. Oder bei "atmen sie auf". Und dieses "Seele, vergiss nicht die Toten!": Wie eine rituell repetierte Beschwörungsformel wirkt der Imperativ. Als Appell einer Kunst wider das Vergessen. Mit kontrollierter Baritonlyrik setzt der frühere Tenor Christoph Prégardien der Interpretation die Krone auf.

Mindestens in ähnlichem Maß gilt das für die Wiedergabe von Mahlers Rückert-Liedern. Auch sie tangieren Grundfragen unseres Daseins – man denke an "Um Mitternacht" und den Herrn "über Tod und Leben". Auch Mahler erklang jetzt in einer kammermusikalischen Fassung Müller-Hornbachs. Prégardiens Gestaltungskunst – mit einem Wort: exemplarisch. Und nachhaltig. Noch angenehmer und leichter kann Lindenduft kaum sein. Bei Alexander Zemlinskys Psalm 23 (Arrangement: Erwin Stein) sind Chor und Kammerensemble im Einsatz. Toll demonstrierte, wie in dem spätestromantischen Opus Ekstatik und Lyrisches in friedlicher Koexistenz vereint sind.

Reger, der dem hochkarätigen Abend weltfern und todesnah den Rahmen gab, wurde geehrt. Mit eigenen Raritäten. Auf die in Vorbereitung befindliche CD darf man gespannt sein.