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28. September 2013 00:00 Uhr

Brevier zum 200. Geburtstag

Guiseppe Verdi: Oper auf der Psychocouch

Giuseppe Verdi ist einer der größten Tonsetzer der Operngeschichte: Ein ganz persönliches Brevier für Anfänger und Fortgeschrittene zum 200. Geburtstags eines menschlichen Komponisten.

  1. An Verdis 200. Geburtstag kommen auch die Festspiele in Salzburg nicht vorbei: Szene aus dem Falstaff der Spielzeit 2013. Foto: dpa

Wagner oder Verdi? Muss es immer dieser Antagonismus sein, dieser künstliche Konflikt zweier scheinbar unversöhnlicher Welten? Bloß weil zwei der größten Tonsetzer, die die Gattung Oper hervorgebracht hat, auch noch ausgerechnet im gleichen Jahr zur Welt kamen? Und weil sich die beiden nie begegneten und sich auch noch sehr kritisch gegenüberstanden? Zitat aus Cosima Wagners Tagebüchern: "Abends das Requiem von Verdi, worüber nicht zu sprechen entschieden das Beste ist." Vielleicht wäre es noch besser gewesen, die "Hohe Frau" aus Bayreuth hätte auch aufs Schreiben darüber verzichtet. Bei Verdi dagegen lesen wir, nachdem sein Antipode im Februar 1883 gestorben war: "Traurig, traurig, traurig! Wagner ist tot!...Diskutieren wir nicht. – Es ist eine große Persönlichkeit, die vergeht!" Und während Wagners letztes Schaffen einem Aufsatz "Über das Weibliche im Menschlichen" galt, realisierte der Bauernsohn aus der Po-Ebene an seinem Lebensende ein allzu menschliches Projekt: ein Altenheim für Musiker – das heute noch existiert.

Sein nachgeborener Kollege, der lange Zeit in Freiburg lehrende Wolfgang Fortner sah in ihm auch mehr den "Lyriker" als den "Musikdramatiker". Und vielleicht übertreibt Franz Werfel nicht, wenn er in "Verdi. Roman der Oper" (Berlin 1925) vom letzten "Volks- und Menschheitskünstler" spricht. Verdi mag ein Mythos sein. Einen menschlicheren wird man schwer finden. Der kleine, ganz persönliche Streifzug durch sein Werk, der sich auch als Anleitung zur Annäherung an einen ganz Großen versteht, soll das verdeutlichen. Dass dabei vieles unter den Tisch fallen muss -– der Komponist, der sich in seiner Bescheidenheit unter seinen Zeitgenossen als der "am wenigsten Gebildete" bezeichnete, hätte darob hoffentlich Nachsicht geübt.

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NABUCCO: DIE FREIHEIT

Wie beginnen? "Nabucco" ist kein schlechter Anfang. Auch wenn dem Werk bereits zwei Opern vorausgingen. Und auch wenn das Stück in der Summe seiner zwar beeindruckenden, aber eben zahlreichen Chor-Tableaus für heutige Ohren oft etwas ermüdend wirkt – "Nabucco" ist Verdis erster großer Erfolg. Und natürlich ist die 1842 in Mailand uraufgeführte Oper ein politisches Zeugnis: die Handlung um die babylonische Gefangenschaft des jüdischen Volkes als Chiffre für den Kampf um ein geeintes Italien, die Chöre als Ausdruck eines kollektiven Rufs nach Freiheit. Und dann eben der Chor, der Freiheitschor: "Va pensiero" – Flieg, Gedanke. Kein anderer Opernchor hat es zu solcher Popularität gebracht, ein Hymnus, der beinahe zur Hymne des geeinten Italiens geworden wäre.

Zum Glück kam es nicht so – Hymnen verderben gute Musik. Und dieser Chor ist verdammt gute Musik, gerade in seiner überwältigenden Einfachheit. Alle singen einstimmig, und sie beginnen leise, ganz leise, bis zum ersten großen Ausbruch. "Die Chorgesänge der ersten Opern sind erstaunliche Wundertaten", urteilt Franz Werfel über Verdi. "Va pensiero" ist eines der melodiösesten Wunder. Allein diese Nummer hätte den Komponisten schon unsterblich gemacht (Hörtipp: Muti, Philharmonia Orchestra London, 1977) .

MACBETH: DIE GEISTER

Über "Macbeth" (1847) sieht man gerne allzu schnell hinweg. Was für ein Fehler. Nur fünf Jahre liegen zwischen dieser ersten Shakespeare-Vertonung Verdis und "Nabucco" – doch um wie viel hat sich der Grad der Psychologisierung seiner Figuren schon verfeinert. Und der seiner Melodik. Das sehnsuchtsvolle, von Flöten, Klarinetten und hohen Violinen angestimmte, lyrische Thema verrät, wie Verdi in nur wenigen Takten atmosphärisch verdichten kann. Und dann sind da die großartige, geisterhafte Schlafwandelszene und das Duett, in dem Lady Macbeth ihren Mann zur Ermordung Duncans schlichtweg musikalisch zwingt. Dass es neben der Urfassung noch eine fast 20 Jahre jüngere Bearbeitung durch den Komponisten gibt, zeigt natürlich, wie sehr Verdi später spürte, dass auch "Macbeth" eine Etappe in seinem Schaffen war. Eine lohnenswerte, manche behaupten, von allen Shakespeare-Vertonungen dramaturgisch die interessanteste (Hörtipp: Abbado, La Scala Mailand, 1976) .

RIGOLETTO: DIE PSYCHOLOGIE

Verdi sagen und "Rigoletto" (1851) denken – das bleibt bei vielen nicht aus. An Popularität rangiert das Drama um den tragischen Narren, dessen Tochter sich aus Liebe für den Herzog und Weiberhelden opfert, wohl noch immer ganz oben im Kanon der beliebtesten Opern des Meisters. Doch soll es an dieser Stelle mal nicht um den Gassenhauer aus der Pizza- und Schokoladenwerbung gehen. Obwohl "La donna è mobile" eine geniale Canzone ist – ein hämisches Macho-Lied auf die angebliche Unbeständigkeit des weiblichen Geschlechts und seine Konsequenzen für man(n) an sich...

Mit wem Verdi fühlt, zeigt der Komponist an anderen Stellen. Gildas inniges, Teenager-schwärmerisches "Gualtier Maldé!" über den gleichnamigen angeblichen Studenten, der ihr als erster richtiger Mann entgegentritt (und in Wirklichkeit niemand anderer ist als der allzeit notgeile Herzog), zeugt von solcher Gefühlstiefe: Man achte gleich zu Beginn auf den Dialog der Stimme mit den Soloinstrumenten, dieses unsichere Sich-Hineintasten; und dann die Koloraturen – das ist nicht l’art pour l’art, das ist die vielleicht filigranste, kunstvollste Beschreibung einer ganz zart aufkeimenden Liebe, die je in Noten gefasst wurde. Und dann parallel dazu Rigolettos vokale Strategie, den verhassten Höflingen seine Sorge, seine Angst und sein Leid um die entführte Tochter vorsichtig nahezubringen: "La rà, la rà..." – unschuldiges Trällern und vorsichtiges Herantasten an die Wahrheit. Das ist durchkomponierte Psychologie, zu einer Zeit, als diese sich gerade erst als Wissenschaft etablierte (Hörtipp: Solti, RCA Italiana, 1963) .

LA TRAVIATA: DAS MENSCHLICHE
Wann schon bewegt sich Verdi mit seinen Opernstoffen in der – seiner – Gegenwart? Mit "La traviata" (1853). Die Vertonung von Alexandre Dumas’ "Kameliendame", der tragischen Geschichte einer Kurtisane – einer Escort-Service-Dame, wie wir heute sagen würden, bringt die Oper endgültig auf die Psychocouch. Und mit ihr den Besucher. Die elegischen hohen Violinen im Vorspiel wurden allzu oft mit jenen in Wagners "Lohengrin"-Vorspiel verglichen. Als ob es Verdi ums Kopieren gegangen wäre! Im Unterschied zu Wagner bleibt er in der Realität: "La traviata" ist eine stille Anklage gegen die gesellschaftlichen Zustände im verlogenen Bürgertum. Und ein Plädoyer für das Menschliche – mag manchen der dritte Akt in seinem unabwendbaren Todesschmerz noch so süßlich vorkommen: Es gibt kaum echteren Schmerz in der Oper. Und doch ist dieses Psychodrama ein exakter Spiegel seiner Zeit, von Verdi so anschaulich musikalisch reflektiert durch die gängigen Tanzformen seiner Zeit. Anders als Wagner in "Tristan und Isolde" mystifiziert Verdi nicht die Liebe. Liebestod? Ja, aber Violetta stirbt ihn ganz irdisch – menschlich (Hörtipp: Carlos Kleiber, Bayerische Staatsoper München, 1977) .

AIDA: DIE REINE LIEBE
Ohne sie ist kein Verdi-Brevier denkbar. "Aida" (1871), uraufgeführt in Kairo zwei Jahre nach der Eröffnung des Sueskanals, ist ein Drama für Arenen und Fußballstadien und trotzdem eine der intimsten Opern Verdis; was 1994 jene Grazer Inszenierung gezeigt hat, in der Peter Konwitschny den Triumphmarsch, die vielleicht zirzensischste aller Opernszenen, invers vorführte: Der Zuschauer blickte auf die Sieger, nicht auf die Besiegten. Womit der Regisseur etwas ganz Entscheidendes herausarbeitete. Denn bei allen szenisch-musikalischen Querverweisen auf die Grand opéra seines Zeitalters – "Aida" ist ein geradezu unerhört intimes Liebesdrama. Und weil das so ist, beginnt der Komponist dieses Werk nur mit den – hohen – Streichern, die Elefanten, Sklaven und Soldaten beim Aufmarsch der Sieger sind später Mittel der Zuspitzung des Konflikts zwischen Individuum und Machtapparat. Wie anders könnte diese Oper enden als in einem mit Stein verschlossenen Gewölbe, in dem die zwei Liebenden (Aida und Radames) ihrem Tod entgegensehen – konterkariert von den die Herrschaft, das System, symbolisierenden Gesängen der Priesterinnen. Was für eine dramaturgische Konstellation! (Hörtipp: Abbado, La Scala Mailand, 1982) .

OTELLO: DIE EIFERSUCHT

Vielleicht wäre Shakespeare auf Verdi eifersüchtig gewesen. Keine Sprache, nicht einmal die shakespeare’sche, kann die dämonische Macht der Eifersucht so bloßlegen wie die Musik – Verdis Musik. In die Liebesszene zwischen Desdemona und Otello "Un bacio" am Ende des ersten Akts ist sie schon hineinkomponiert, mag das lyrische Quartett der Celli auch noch so viel Harmonie suggerieren. Überhaupt prallen in diesem Drama die Natur und das menschliche Wesen in allen Ausprägungen mit elementarer Wucht aufeinander: der Sturm gleich zur Eröffnung, Jagos "Credo" an den Nihilismus, Desdemonas Gebet und dazu im erschreckenden Kontrast Otellos krankhafte Eifersucht. "Otello" (1887) ist ein Meisterwerk an melodischer Findungs- und Instrumentationskraft (Hörtipp: Karajan, Berliner Philharmoniker, 1974) .

FALSTAFF: DAS ALTER
"Commedia lirica" – lyrische Komödie – hat Verdis bedeutendster Librettist (und selbst Komponist) Arrigo Boito den "Falstaff" (1893) überschrieben. Tatsächlich hat Verdi seine Musik in die Farben des Herbstes gekleidet. Aber nicht nur die pastellenen. Denn "Falstaff" ist nur vordergründig die Komödie eines bauernschlauen Schürzenjägers; sie ist das mitunter komische, mitunter aber auch sehr tragische Lied vom Altern und vom Alter. Sie steht in jeder Hinsicht solitär in Verdis Schaffen: reimlose Verse, durchkomponierte Musik, schüttere Melodik. Und ein Orchester, das kommentiert, persifliert, konterkariert. Das Geschehen bleibt bitter, Falstaff weiß, dass er seinen aussichtslosen Weg immer weiter gehen muss: "Va, veccio John..." Und die großartige Fuge am Ende – nur wenige Finali können sich mit ihr messen – bringt es auf den Punkt: "Tutto nel mundo è burla". Alles auf Erden ist Spaß. Aber was für einer: Alle sind "gabbati" – Betrogene. Wie das zu verstehen ist? Verdis Altersweisheit verrät es uns. In der Musik (Hörtipp: Toscanini, Wiener Philharmoniker, 1937; Karajan, Wiener Philharmoniker, 1980) .

Autor: adi