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24. Januar 2015

"Ich bin allergisch auf Mainstream-Programme"

BZ-INTERVIEW mit dem russischen Pianisten Alexander Melnikov.

  1. Alexander Melnikov Foto: Borggreve

Er gilt als einer der spannendsten Pianisten seiner Generation und ist bekannt für seinen breiten musikalischen Horizont: Alexander Melnikov. Der russische Klaviervirtuose, der in Berlin lebt, ist am Mittwoch erstmals im Lörracher Burghof zu erleben. Roswitha Frey sprach mit dem 41-jährigen Pianisten über sein Programm für Lörrach, seine Beschäftigung mit historischer Aufführungspraxis, seine Projekte und seine Leidenschaft fürs Fliegen.

BZ: Wie Ihre Konzertagentin sagte, sind Sie im Moment mit Studioaufnahmen in Berlin beschäftigt. Was nehmen Sie gerade auf?

Alexander Melnikov: In einer halben Stunde muss ich im Studio sein, wir sind gerade beim Schneiden. Wir sind an einem großen Schumann-Projekt. Ich habe Schumanns Klavierkonzert mit dem Freiburger Barockorchester aufgenommen, außerdem Schumann-Klaviertrios mit der Geigerin Isabelle Faust und dem Cellisten Jean-Guihen Queryas. Die CD-Aufnahmen werden demnächst erscheinen.

BZ: Sind Sie lieber im Studio oder lieber live auf der Konzertbühne? Svjatoslav Richter hat das Tonstudio als "Folterkammer" empfunden und ihr Kollege Grigory Sokolov meidet das Studio auch. Wie ist das bei Ihnen?

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Melnikov: Nein, ich sehe das etwas anders als Richter und Sokolov. Ich gehe gerne ins Aufnahmestudio. Sicher, man muss genauso gut vorbereitet sein wie beim Live-Konzert, aber man kann total konzentriert arbeiten. Wenn etwas nicht so klingt, wie man sich das vorgestellt hat, kann man es noch mal probieren. Das kann man im Live-Konzert nicht, dort kommen auch noch mehr Stressfaktoren dazu. Aber es ist auch nicht einfach im Studio.

BZ: Sie sind für Ihr breites Repertoire bekannt und machen auch viel Kammermusik, unter anderem als fester Duopartner der Geigerin Isabelle Faust. Ist Ihnen diese Vielseitigkeit besonders wichtig?

Melnikov: Ja, ich finde das wichtig. Ich spiele ebenso gerne als Solist wie als Kammermusiker. Da mache ich keinen großen Unterschied, denn es geht immer primär um die Musik, um die Kompositionen, um die intensive Interpretation, ob ich nun allein auf der Bühne bin oder im Verbund mit anderen Musikern. Ich habe Glück gehabt, dass meine Kollegen so gut sind. So besteht meine Duopartnerschaft mit Isabelle Faust schon seit mehr als 13 Jahren, sie ist meine absolute Traum-Violinistin.

BZ: Auch mit Ensembles aus der Originalklangbewegung wie dem Concerto Köln oder dem Freiburger Barockorchester arbeiten Sie gerne zusammen. Wie kam es zu Ihrer Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis?

Melnikov: Schon als ich ganz jung war, hat mich die Alte Musik und die historische Aufführungspraxis sehr stark interessiert, ich bin fasziniert vom Klang der historischen Instrumente. Der Cembalist Andreas Staier ist für mich in dieser Hinsicht ein ganz, ganz wichtiger Musiker. Mit ihm werde ich als Nächstes ein reines Schubert-Programm vierhändig auf einem Originalinstrument, einem historischen Flügel, spielen. Ich spiele ab und an in Konzerten auf historischen Tasteninstrumenten. Aber man muss da, wie im Leben auch, öfter Kompromisse machen. Es ist nicht immer möglich, bei Konzerten mit Orchester auf historischen Flügeln zu spielen, oft braucht es vom Klang her den modernen Konzertflügel.

BZ: In Lörrach spielen Sie zwölf der 24 Präludien und Fugen von Schostakowitsch. Was fasziniert Sie an Schostakowitsch und speziell an diesem Zyklus?

Melnikov: Das ist eine alte Geschichte. Ich bin eng verbunden mit diesem Werk, werde oft angefragt, es zu spielen, spiele es überall auf der ganzen Welt. 2010 habe ich Aufnahmen der Schostakowitsch-Präludien und Fugen gemacht, das war ein großer Erfolg. Für mich ist es einer der wichtigsten polyphonen Zyklen des 20. Jahrhunderts. Ich möchte auch das stereotype Bild, das sich das Publikum von Schostakowitsch macht, etwas aufbrechen. Denn ich selbst lasse mich auch nicht gern in eine Schublade stecken.

BZ: In Ihrem Lörracher Programm kombinieren Sie Schostakowitsch mit Schubert und Brahms im ersten Teil. Welche Programm-Idee steckt dahinter?

Melnikov: Es ist, denke ich, ein gut ausbalanciertes Programm. Ich bin etwas allergisch auf Mainstream-Programme. Meine Überlegung war, mit Schuberts Wanderer-Fantasie anzufangen, was ja am Anfang eines Recitals sehr schwer zu spielen ist. Schubert ist für mich sehr wichtig, seine Wanderer-Fantasie ist virtuos, berührend, leidenschaftlich. Danach spiele ich Brahms’ Sieben Fantasien, auch diese sind eine unglaubliche Komposition, berührend, delikat und stark emotional. Und dann Schostakowitschs Präludien und Fugen, die wie Selbstreflexionen wirken und bei aller Strenge, die man aus dem Klavier modelliert, enorm viel Emotionalität erzeugen. Damit kann ich ganz viele unterschiedliche Charaktere zeigen.

BZ: Warum kein Skrjabin, jetzt zum 100. Todestag?

Melnikov: Ich werde viel gefragt, in diesem Jahr Skrjabin zu spielen, aber man sollte das nicht nur auf Gedenktage beschränken. Aber ich kann in Lörrach gerne eine Skrjabin-Zugabe spielen.

BZ: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Melnikov: Wenige Tage nach dem Konzert in Lörrach werde ich in die USA fliegen, wo ich eine Tournee mit Isabelle Faust mache, mit Auftritten unter anderem in Washington und Chicago.

BZ: Ihre Leidenschaft neben der Musik gilt dem Fliegen. Fliegen Sie als Pilot zum Teil selbst zu Ihren Konzerten?

Melnikov: Nein, nein, als Hobbypilot muss man sehr mit dem Wetter aufpassen. Ich kann ja nicht gut sagen, ich spiele in Lörrach nicht, weil das Wetter schlecht ist. Und was die Risikofreude anbetrifft: Ich habe mehr Angst zu spielen als zu fliegen...

– Konzert: Mittwoch, 28. Januar, 20 Uhr, Burghof Lörrach

ZUR PERSON: ALEXANDER MELNIKOV

Geboren 1973 in Moskau, studierte Alexander Melnikov am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. Er ist Preisträger bedeutender Wettbewerbe wie dem Internationalen Robert Schumann-Wettbewerb und dem Concours Musical Reine Elisabeth, wurde mit zahlreichen Preisen wie dem Echo-Klassik und dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Neben weltweiten Auftritten als Solist widmet sich Melnikov intensiv der Kammermusik, bildet ein festes Duo mit der Geigerin Isabelle Faust. Melnikov lebt in Berlin.  

Autor: ros

Autor: ros