Klassik

Impressionen vom Lucerne Festival

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 08. September 2015

Klassik

"Sinfonie für Luzern", Humor, Originalität und Qualität: Impressionen vom Lucerne Festival.

Es ist lauter als sonst vor einem Konzert im Luzerner KKL. Auch einige helle Kinderstimmen mischen sich in die Geräuschkulisse im Parkett des schicken Kultur-und Kongresszentrums. Der sonst strenge Dresscode ist gelockert. Die Uraufführung der "Sinfonie für Luzern" steht an: ein musikalisches Porträt der Stadt am Vierwaldstätter See, das Tod Machover geschrieben hat. Ein Jahr lang hat der amerikanische Komponist Klänge und Geräusche gesammelt, die in Luzern mit einer speziell dafür entwickelten App aufgenommen wurden. Schritte auf der Kapellbrücke wurden ebenso eingesendet wie Kuhglocken oder Kinderlachen.

Auch Machover selbst besuchte die Stadt immer wieder, um sie hörend zu erkunden, Musiker zu treffen und insbesondere Geräusche am See, an der Reuss und an den über 200 Brunnen aufzunehmen. Die Wasserklänge sind zentraler Bestandteil der gut zwanzigminütigen Sinfonie (Leitung: Matthias Pintscher). Schon in "Waking", dem ersten der acht ineinander übergehenden Sätze, mischt sich das Fließen einer Cellokantilene mit Plätschern aus den Lautsprechern (Klangregie: Ben Bloomberg). "Watery" ist mit Wasserimprovisationen des Lucerne Festival Academy Orchestra ganz dem flüssigen Element gewidmet. Aber auch die von rund dreißig Schulkindern und Jugendlichen geschriebenen Kompositionen, die mittels einer spezielle Software des MIT Media Lab Boston entstanden sind, werden im fünften Satz ("Hyperscores") der Sinfonie miteinander kombiniert. Und wenn am Ende zwei Luzerner Chöre einen kurzen Auftritt haben, die Orgel (Wolfgang Sieber) rauscht und die maskierten "Baerfussfäger Guuggemusig Lozärn" von hinten den Saal betreten, um mit Schlagzeugsalven und schneidendem Blechbläsersound das große Finale herbeizutrommeln, dann staunt man, wie wild und anarchistisch es doch in dem beschaulichen Städtchen zugehen kann.

Am Ende herrscht kollektive Begeisterung im KKL. Künstlerisch kann "Die Sinfonie für Luzern", ähnlich wie die Freiburger Stadtoper "Die gute Stadt" (BZ, 15. 6.) jedoch kaum überzeugen. Die Wassergeräusche erinnern eher an Wohlfühlklänge aus der Meditationssauna. Musikalisch bewegt sich Machover meist in neoromantischen Bahnen, die trotz der neuesten Klangtechnik altbacken wirken. Aber als lokales Event und Mitmachprojekt funktioniert diese aufwändige Produktion, die nur ein einziges Mal über die Bühne ging, ausgezeichnet; ein Fernsehmitschnitt soll ins Internet gestellt werden. Die "Sinfonie für Luzern" passt auch sehr gut zu der Öffnung des Hochpreisfestivals gegenüber weniger klassikaffinen Bevölkerungsschichten, die Intendant Michael Haefliger vor einigen Jahren initiiert hat. Das kostenlose, moderierte Konzertformat "40minutes" oder die Festivallounge werden gut angenommen.

Eine Werkstatt für junge Komponisten

Exklusivität ist ebenfalls wichtig im austauschbaren Sommerfestivalbetrieb. Riccardo Chailly wurde schon zu Festivalbeginn als Nachfolger des verstorbenen Claudio Abbado zum neuen Leiter des Lucerne Festival Orchestra ernannt. Mit dem Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm und Matthias Pintscher, Komponist und Dirigent, stehen nun auch zwei bedeutende Persönlichkeiten an der Spitze der von Pierre Boulez gegründeten Lucerne Festival Academy, die jedes Jahr rund 120 jungen Musikerinnen und Musikern aus der ganzen Welt einen intensiven Umgang mit Neuer Musik ermöglicht. Rihm möchte in Zukunft eine Werkstatt für junge Komponisten einrichten und Gastdozenten einladen. Außerdem soll die Arbeit der Akademie auch auf Tourneen ausstrahlen.

"Humor" lautet das Festivalthema 2015. Von der präsenten Sopranistin Silke Gäng wird es ernst genommen, wenn sie bei ihrer Matinee in der Lukaskirche (Klavier: Marco Scilironi) sieben T-Shirts übereinander trägt, um in Reinhard Febels "Der Gesang des Dodo" (2001) nach jedem lange ausgehaltenen Ton jeweils eines auszuziehen. Durch unterschiedliche Beschriftungen wie "Feindlos" oder "Ungenießbar" wird der im 17. Jahrhundert ausgestorbene, auf Mauritius beheimatete Nachtvogel charmant vorgestellt.

Simon Rattle hatte für seine Berliner Philharmoniker eine "Symphonie imaginaire" zusammengestellt, in der besonders originelle Orchesterstücke Joseph Haydns miteinander kombiniert werden. Da darf natürlich das Finale der "Abschiedssymphonie" nicht fehlen, wenn einer nach dem anderen sein Instrument zusammenpackt und die Pultlampe ausknipst. Das Orchester setzt nicht nur bei den düsteren, dissonanten Einleitungen zur "Schöpfung" und zum Winter der "Jahreszeiten" auf eine scharfe, fast vibratolose Tongebung und große Kontraste. Die schnellen Sätze werden mit höchster Virtuosität und Spielwitz musiziert. Und wenn das Finale der C-Dur-Sinfonie Hob. I:90 nicht zum Ende kommt und das Publikum zweimal zu früh klatscht, dann wird Haydns Humor von Rattle genüsslich zelebriert. Mozarts Sinfonie concertante KV 364 dagegen wirkt in der romantischen, mit Einheitsvibrato versehenen Interpretation von Daishin Kashimoto (Violine) und Amihai Grosz (Viola) seltsam schwülstig.

Im Gegensatz zu den Berliner Philharmonikern hatten ihre Kollegen aus St. Petersburg unter ihrem Chefdirigenten Yuri Temirkanov in beiden Konzerten ihr ureigenes Repertoire mitgebracht - und wucherten mit den Pfunden. Nikolai Luganskys rhythmisch prägnantes, hochdifferenziertes Spiel trifft bei Rachmaninows zweitem Klavierkonzert auf einen süffigen Orchesterklang, der die gewaltigen Steigerungen zu beseelten Ekstasen veredelt. Das böse Lachen von Schostakowitschs 9. Symphonie lässt Temirkanov im Finale gefrieren. Auch Strawinskys Ballettmusik "Petruschka" am Folgeabend gerät plastisch bis zum bitteren Ende. Weil Julia Fischers vollendetes, hochmusikalisches Spiel bei diesem bedeutendsten Orchesterfestival der Welt in Tschaikowskys Violinkonzert auf den samtenen Streicherklang und die edlen Holzbläser der St. Petersburger Philharmoniker trifft, entstehen intime Momente, die man bei diesem spektakulären Virtuosenstück selten erlebt.

Noch bis 13. September 2015. http://www.lucernefestival.ch