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08. Oktober 2009 11:51 Uhr

Die neue CD des Bosart-Trios: "Kunst der Unfuge"

"In den Räben lässt sich’s läben"

Als Musikkomiker wurden sie weit über Freiburg hinaus Legende: die drei Herren Hans Hachmann, Reinhard Buhrow und Wolfgang Schäfer alias Bosart-Trio. Nun liegt ihre neue CD vor – "Kunst der Unfuge". Unfug? Aber was für einer

  1. Das Bosart-Trio blickt auf Bach: HansHachmann, Wolfgang Schäfer (stehend, von links), Reinhard Buhrow Foto: Promo

Offenbar hat Musik unter den Künsten das komischste Potenzial. Abendfüllende Formate, in denen es ums Parodieren von Malern geht, haben wenig Relevanz. Und Schriftsteller-Parodien, vom genialen Robert Neumann einmal abgesehen, gehören auch nicht gerade zum komödiantischen Standardrepertoire. Ganz abgesehen von der humoristischen Impulsen gänzlich abgeneigten Ernsthaftigkeit und Betroffenheit des aktuellen Theaterbetriebs. Also bleibt – noch – der Humor in Dur und Moll. Wer sich gut 100 Minuten lang vom neuen CD-Doppelalbum des Bosart-Trios inspirieren lässt, muss zwangsläufig zu dieser Einsicht kommen.

Beim Titel stand Meister Johann Sebastian Pate, unfreiwillig: "Kunst der Unfuge" ist mehr als Leitmotiv – Credo. Unfug zu treiben ist wohl eine Kunst, wenn man sie so beziehungsreich und paraphrasierend anzuwenden versteht wie eben jene drei Herren, die ihre "Bosart" vom lautmalerisch fast gleichen französischen "Beaux Arts" ableiten: Wolfgang Schäfer, Reinhard Buhrow, Hans Hachmann. Die drei Meister des fortwährenden, freien musikalischen Assoziierens und Variierens sind Virtuosen in ihrem Fach, und wer glaubt, das Prinzip ihres Humors durchschaut zu haben, wird immer wieder überrascht mit neuen Streichen und kabarettistischen Wendungen.

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"Kunst der Unfuge" – das ist der Live-Mitschnitt eines Programms des Bosart-Trios in der Freiburger Musikhochschule anlässlich der Verabschiedung Reinhard Buhrows – zum Glück nicht vom Trio sondern "nur" der Alma mater musicae. Deshalb gilt vieles der überragenden Kunst dieses Tastenverdrehers, der aus dem River-Kawai-Marsch flugs ein Mozart-Klavierkonzert mit Haupt-, Nebenthema und Kadenz bastelt, mit "Happy Birthday" ganz in der Tradition des Musikparodisten Siegfried Ochs durch die musikalischen Jahrhunderte wandelt – von Händel bis zu – hinreißend charakteristisch – Strawinsky; der als elsässischer Pianist Renard Büro Opern-, Operetten- und Musical-Themen gleich für mehrere Theaterspielzeiten fusionieren lässt oder aus den klassischen B-A-C-H-Tönen einen Chopin’schen Minutenwalzer formt. Buhrow bleibt bosartig – das ist eine der guten Botschaften dieser CD, Schäfer und Hachmann ebenso – die andere. Chorleitungsprofessor Wolfgang Schäfer macht es einem mit seinen pointierten Gesangsparodien nicht leicht, wenigstens ein Fünkchen Ernst zu behalten. Und wenn er als singender Gastwirt den Alemannen hervorkehrt ("In den Räben lässt sich’s läben"), ist das keine regionale Anbiederung sondern ein charmantes Kokettieren mit der eigenen Provenienz. Dass nicht wenige der Pointen und nicht selten herrlich absurden Prosa bei Hans Hachmann, dem einstigen SWR-Redakteur, ihren Ursprung fanden, ist mutzumaßen.

"Woher Hans seine Millionen Ideen und Einfälle nimmt, ist mir schleierhaft. Allerdings hat der Hachmann’sche Witz auch einen Nachteil: Man versteht ihn nicht, wenn man ihn nicht hat", sagt Kollege Buhrow über Hachmann auf der Bosart-Homepage. Das macht einen dann doch etwas melancholisch. Denn je größer die eigene Kenntnis in Sachen E- und U-Musik jenseits des Popkommerzes ist, desto mehr wird man den bosartigen Beziehungsreichtum verstehen. Gut – und leider – möglich, dass es sich also bei dieser Form intelligenten Musikkabaretts um eine fast schon fossile Gattung handelt, die im Zeitalter brachialer Comedy vom Aussterben bedroht ist. Artenschutz für das Bosart-Trio? Nicht doch – Unfug ist noch nie ausgestorben...
– Bosart-Trio: Kunst der Unfuge. Merkton MER 890460. Vertrieb: inakustik (oder online über http://www.bosart-trio.de
– Nächste Auftritte in der Regio: "Ein Schluck aus dem Opernglas", Theater Freiburg, 21., 22., 26., 29. Dezember.

Autor: Alexander Dick