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13. Januar 2016

Kantate für den Nikolaus

Das John-Sheppard-Ensemble konzertierte in Freiburg.

Ein paar Streichertöne – und Bernhard Schmidt tut, was Dirigenten eher selten während der Musik tun: Er wendet sich zu den Hörern und schlägt den Takt. Mitsingen ist gewünscht. Drei Chöre plus Publikum in der gut gefüllten Freiburger Herz-Jesu-Kirche: Das ergibt sängerische Durchschlagskraft. Die passt trefflich zu der hymnischen Melodie des englischen Weihnachtsliedes "Hark! The Herald Angels sing". Das Projekt des John-Sheppard-Ensembles unter dem Titel "Londoner Weihnacht" bezieht das Publikum mit ein und bringt zugleich musikalisch Anspruchsvolles. Durchaus ein Spagat, aber, nach dem zweiten der beiden Konzerte in der Freiburger Kirche zu urteilen, ein gelungener.

Vorweg ein Präludium über dieselbe Melodie – die übrigens auf Felix Mendelssohn Bartholdy zurückgeht – aus der Feder von David Willcocks, von Lydia Schimmer in vollstimmiger Registrierung an der Dold-Orgel vorgetragen. Das evoziert festlichen Glanz.

Die gepökelten Knaben

Neben und zusammen mit dem Sheppard-Ensemble sind zwei weitere Chöre zu hören – die Formation "Canta Nova Saar" und ein Mitsing-Projektchor –, dazu ein Streichorchester, verstärkt durch Schlagwerk, Flügel und Orgel. Ein bisschen Bombast ist in diesem Fall durchaus erlaubt, umso mehr, als der Beginn der "Fantasia on Christmas Carols" von Ralph Vaughan-Williams ganz andere Töne anschlägt. Ein düster-grüblerisches Cellosolo bereitet da stimmungsvoll den Grund für den Solotenor (durchweg präsent: Bernhard Gärtner), der die Geschichte des Sündenfalls erzählt, Voraussetzung des weihnachtlichen Heilsgeschehens. Der Part verklingt immer wieder ins Summen des Chores, das seinerseits in profund-transparente Streichersätze ausläuft.

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Benjamin Brittens Kantate "Saint Nicolas", die die Lebensgeschichte des beliebten Heiligen erzählt, findet eine adäquate, gut balancierte und beseelte Wiedergabe, die an präzise Gestaltetem, an instrumentalen und vokalen Klangfarben reich ist. Chor und Orchester greifen in der wilden Schilderung eines Seesturms temperamentvoll ineinander, und in der eigentümlichen Wunder-Episode von "Nikolaus und den gepökelten Knaben" klingt wiegend ein Marsch- und Karawanentonfall an. Bernhard Gärtner bewährt sich im Part des Nikolaus wiederum. Auch in Brittens Werk wird das Publikum zum Mitsingen angehalten: schön, wie dies die Wirkung des Stücks zugleich auflockert und vertieft. Höchst erfreuter Applaus zum Schluss.

Autor: Gero Schreier