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08. März 2011

Kein Riese – doch ein ganz Großer

Der Freiburger Anton-Webern-Chor und sein Leiter Hans Michael Beuerle entdecken den Barockkomponisten Christoph Graupner.

  1. Auf Christof Graupners Spuren: der Anton-Webern-Chor Foto: pr

Bis vor etwa zwei Jahren sei dieser Komponist auch in seiner Vorstellung eher eine "sehr blasse Gestalt" gewesen, bekennt Hans Michael Beuerle: "Etikett Kleinmeister". Vielen Musikfreunden geht es da wahrscheinlich ähnlich wie dem Leiter des Freiburger Anton-Webern-Chors. Christoph Graupner (1683–1760) gehört zu jenen Meistern des späten 17. und 18. Jahrhunderts, über die man höchstens weiß, dass sie auch komponierten. Dabei war der Bach-Zeitgenosse Graupner zu Lebzeiten nun alles andere als ein Unbekannter. Der Darmstädter Hof, an den ihn der musikbeflissene Markgraf Ernst Ludwig 1709 holte, entwickelte sich unter Graupner für kurze Zeit zu einem europäischen Musik(theater)zentrum. Und als der Markgraf davon erfuhr, dass Graupner den Ruf als Thomaskantor nach Leipzig erhalten hatte, intervenierte er und erhöhte kurzerhand dessen Gehalt – sein Hofkapellmeister blieb, wodurch der damals unbekanntere Kollege Bach zum Zuge kam.

Nach gut zweijähriger "Entdeckungsreise" durch das Schaffen dieses Komponisten versteht Hans Michael Beuerle die Anstrengungen des Markgrafen mittlerweile sehr gut. Dabei war es keine Liebe auf den ersten Blick. Einer Anfrage des Stuttgarter Carus-Verlags, ob er sich nicht vorstellen könne, Musik von Graupner aufzunehmen, stand er sogar zunächst distanziert gegenüber. Doch dann begannen die Recherchen, denn: "Es ist nicht gut, Dinge abzulehnen, die man eigentlich gar nicht kennt. Und außerdem ist der Webern-Chor ein Ensemble, das immer wieder nach neuen Erfahrungen und Herausforderungen sucht."

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Die Beschäftigung mit Graupner führte Beuerle schließlich ins Hessische Staatsarchiv Darmstadt, wo sein Nachlass aus den Beständen der ehemaligen Hofbibliothek lagert. Was wiederum ein Glücksfall ist. Denn ursprünglich hatte der Komponist verfügt, dass seine Werke nach seinem Tod verbrannt werden sollten. Das allerdings geschah nicht, weil sich die Erben finanziellen Gewinn daraus erhofften, was wiederum einen sechs Jahrzehnte währenden Rechtsstreit mit dem Hof auslöste, der nie entschieden wurde. Das Gute daran – Graupners Werk wurde nicht auseinander gerissen und erfreut sich in jüngster Zeit eines immer größeren Interesses. Zu entdecken gibt es genug. Allein 1400 Kantaten bezeugen den außergewöhnlichen Fleiß des aus Sachsen stammenden Komponisten. 70 Stücke aus diesem Fundus hat Beuerle in die nähere Auswahl genommen, zur Aufführung gelangt nun ein kleiner Zyklus aus fünf Passionskantaten.

Es sei eine Musik, sagt er, zwischen den Polen Spätbarock und Empfindsamkeit, also ganz stark am Puls der damaligen Zeit: "Das Spannende ist, dass er beide Stile souverän beherrscht, sie aber nie beliebig mischt, sondern exzessiv im Dienste der Textausdeutung nutzt." In Harmonie und Kontrapunkt überaus originell, spüre man in dieser Musik bereits ein wenig das "Moment der Aufklärung". Beuerle rühmt "die Fantasie, mit der Graupner Choräle bearbeitet". Und die rundum anspruchsvolle Faktur, zu verspüren zumal in den Arien, an denen ganz klar zu erkennen sei, dass sie für Profis geschrieben wurden. Welche dem Ruf Graupners nach Darmstadt folgten, dessen primäres Ziel es ja zunächst war, dort einen großen Opernbetrieb aufzubauen.

Der Anton-Webern-Chor sucht mit seinen Interpretationen möglichst dem Original der Darmstädter Hofkapelle gerecht zu werden: mit zwölf Sängern, drei pro Stimme, aus denen sich auch die Solisten rekrutieren. Ein anspruchsvolles Projekt, freilich, da Graupner noch weitgehend unbekannt, nicht ohne Risiko. Aber Beuerle appelliert an die Neugier des Publikums: "Graupner war ausgesprochen experimentierfreudig. Und als Komponist ein ganz Großer." Und dann ergänzt er sein Resümee um einen kleinen Zusatz: "Der das Pech hatte, neben zwei Riesen zu stehen." Die Riesen hießen Bach und Händel.
– Christoph Graupner: Passionskantaten. Anton-Webern-Chor, Ensemble Concerto grosso, Leitung: Hans Michael Beuerle. 13. März, 19 Uhr, St. Martin, Freiburg. Karten unter Tel. 0761/4968888.

Autor: Alexander Dick