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13. April 2011

"Man muss unverwechselbar werden"

BZ-PORTRÄT: Der einstige Freiburger Klarinettenprofessor und unermüdliche Raritätenfahnder Dieter Klöcker wird heute 75.

  1. Der spezifische Klang der Klarinette hat Dieter Klöcker immer fasziniert. Foto: GRabherr/Pro

  2. Dieter Klöcker Foto: Pro

Eines seiner Instrumente, genau genommen ist es das zweite, hängt im Wohnzimmer an der Wand überm Sofa. "Ich habe aufgehört, Klarinette zu spielen", sagt der ältere Herr. Und fügt fast entschuldigend hinzu: "Mit 75 darf man das." Dieter Klöcker – das ist, wenn man so will, die personifizierte Klarinette. Ein Vierteljahrhundert lang, von 1975 bis 2001, wirkte der gebürtige Wuppertaler als Professor für Klarinette und Bläserkammermusik an der Freiburger Musikhochschule. Untrennbar ist Klöckers Name mit dem Consortium Classicum verbunden, das er am 8. Februar 1962 gründete. Der Beweggrund: "Ich wollte selbstständig sein." Eine Formation von Gleichgesinnten, zu der bis zu seinem Tod 1997 auch der ebenfalls aus Wuppertal stammende Pianist Werner Genuit zählte, den er seit gemeinsamen Kindergartentagen kannte.

Consortium Classicum – das bedeutete die langjährige Zusammenarbeit mit den gleichen Leuten. Die Liste der Aufnahmen auf Platte und CD ist höchst respektheischend. "Die Diskografie ist nochmals gewachsen", sagt, nicht ohne Stolz, der weißhaarige, eloquente Gesprächspartner, der so lebendig zu erzählen vermag. So dass bei unserer zweistündigen Begegnung in Kirchzarten die Zeit wie im Fluge verging. Nicht selten wurde mit dem Satz "Da muss ich Ihnen was erzählen" ein neues Kapitel aufgeschlagen. Aus einem sehr reichen Künstlerleben, das den Protagonisten auf seinen vielen Konzertreisen in die ganze Welt und in fast alle Länder führte, einschließlich China und dreimal Australien.

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Geschichten aus einem Leben, das in einem der Musik zugetanen Umfeld begann. Der Vater war Hornist in einem Musikverein, die Mutter spielte klassische Gitarre. Für den Sohn gab es zur Klarinette keine Alternative: "Der Klang der Klarinette hat mich fasziniert." Mit sieben Jahren fing der Filius an. Karl Kroll, einst Soloklarinettist des St. Petersburger Hoforchesters, wurde sein Lehrer. Zwei Phasen vorübergehender Blindheit, verursacht durch Unterernährung, hatte Klöcker nach Kriegsende zu überstehen. Dem eigentlichen Musikstudium bei Jost Michaels in Detmold ging eine Lehre als Drucker und Grafiker voraus (wie ja Pianist Genuit gelernter Bäcker war).

Dieter Klöckers Maxime für das Klarinettenspiel: "Man muss unverwechselbar werden." Diese Tugend habe Jörg Widmann, sein Freiburger Hochschul-Nachfolger, über den er sehr glücklich ist, in hohem Maße. Mehr noch: "Ich habe noch nie einen Klarinettisten gehört, der so mit dem Instrument verwachsen ist." Dreimal hat Klöcker das Mozart-Konzert aufgenommen. Daneben galt immer wieder sein besonderes Interesse den Seitenpfaden des Repertoires. Kaum ein anderer Interpret war mehr Raritätenfahnder als er. Was hat Klöcker nicht alles ausgegraben! Etwa Preziosen des heute kaum bekannten Meininger Beethoven-Zeitgenossen Carl Andreas Goepfert ("eine wunderschöne Musik").

Eine Systematik gab es bei diesen Aktivitäten ("An den unmöglichsten Orten habe ich Sachen gefunden") gleichwohl nicht. "Ich habe die Augen offen gehalten", berichtet Klöcker. Ein Kriterium für die Beschäftigung mit einem Fund war primär die Qualität. Und ein Postulat: "Der Komponist muss nach vorne blicken." Am meisten lerne man "bei den unbekannten Sachen". Die besten Werke der sogenannten Kleinmeister seien oft besser als die mittelmäßigen Werke der Großen. Ein weiterer Merksatz: Kleinmeister seien der Humus der Großmeister. Doch: "Viele Werke werden schlechter gespielt, als sie sind." Aufgeführt werde nur ein Bruchteil dessen, was es gibt.

Bisweilen klingt freilich auch eine Spur Resignation an: "Von einem Instrumentalisten bleibt nichts übrig – vielleicht die Aufnahmen." Nicht nur, als er von der Einsamkeit unterwegs auf den Reisen spricht, sondern auch bei zwei Standardwerken einer Koryphäe lässt sich Dieter Klöcker in die Seele blicken: "Die beiden Brahms-Sonaten haben mich oft traurig gemacht. Ich habe sie gemieden."

Die Musik war Klöckers Leben. Sie ist es bis heute. Die menschlichen Erlebnisse sind ihm das Wertvollste. Mit Sängern wie Fischer-Dieskau, Helen Donath und Hermann Prey hat er gearbeitet. Mit dem Geiger Gidon Kremer hätte er es sich gewünscht – dies war ihm nicht vergönnt. "Ich habe mir nie ein Haus bauen können, ich habe alles in Noten gesteckt." Und dann ein Dank: "Meine Frau hat alles für mich getan. Ich habe mich nur um die Musik kümmern müssen." Bei der Frage nach einem Lieblingskomponisten nennt Klöcker ganz konkret ein einzelnes Werk: Joseph Haydns Oxford-Sinfonie (Nr. 92). "Das brauche ich für mein Gemüt."

Klöcker, dieser Vollblutmusiker, der sich intensiv, auch musikologisch, mit Klassik und Romantik befasst hat, betont, dass wir kein Museum werden dürfen: "Es muss weitergehen." Er selbst ist derzeit dabei, sein Leben aufzuschreiben. In Buchform. Gelegentlich dirigiert er, ist Juror. Seinen heutigen 75. Geburtstag verbringt der sympathische Herr mit den feinen menschlichen Zügen in Italien. Der Vertreter der alten Schule begleitet den Journalisten noch bis zum Gartentor. Inzwischen ist es Mittag. Warm scheint die Sonne vom blauen Himmel, an diesem frühsommerlichen Apriltag. Wetter und Gesprächsatmosphäre: Sie passten hier so trefflich zueinander.

Autor: Johannes Adam