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30. Januar 2015

Oft schwingt die leise Trauer mit

Der Pianist Alexander Melnikov spielte im Lörracher Burghof Werke von Schubert, Brahms und Schostakowitsch.

  1. Kein Mann der eitlen Gesten: Alexander Melnikov Foto: Roswitha Frey

Eines merkt man sofort beim Auftritt von Alexander Melnikov im Lörracher Burghof: Dieser Pianist ist kein Blender, kein Tastendonnerer, kein Mann der eitlen Gesten. Ruhig, ja versonnen, sitzt er am Flügel, ein sich vollkommen in die Musik vertiefender Interpret, ein reflektierender Musiker. Schon in Schuberts Wanderer-Fantasie, mit der er sein Recital eröffnet, nutzt er die leidenschaftlich-stürmischen Passagen nicht zu virtuosem Blendwerk. Sein Zugriff ist zwar durchaus packend und kraftvoll, aber mehr noch beeindruckt, wie Melnikov sehr versunken die melodischen Gedanken in dieser Fantasie entwickelt: lyrisch, zart, subtil in den Abstufungen, mit feinem Anschlag. Ein dynamisch nuanciertes Schubert-Spiel, das den Ausdrucksgehalt, die Sehnsucht, das Schwermütige, das Lyrische in dieser Wanderer-Fantasie auf interpretatorisch persönliche Art erfasst.

Dass die Stärke des russischen Pianisten im Poetischen, im Lyrischen liegt, hört man auch in Brahms’ Sieben Fantasien op.116. Höchst differenziert, filigran bis ins hauchzarteste Pianissimo und mit unerhörter Klangsensibilität lotet Melnikov die Stimmungskontraste in diesen Capriccios und Intermezzi aus. In delikaten Farben abschattiert, bringt er das Träumerische, Intime, Entrückte der Intermezzi zum Ausdruck, lässt sie, wie im zart hingetupften Adagio, so traumverloren lyrisch klingen wie nicht von dieser Welt. Diesen klangpoetischen Traumgespinsten, die wie ein Innehalten in kontemplativer Versenkung wirken, setzt er in den Capriccios eine bewegte, fließende, bisweilen auch vehemente Geste entgegen.

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Wer so viel Kontemplation und Konzentration ausstrahlt wie Melnikov, der ist wie geschaffen für einen so komplexen Zyklus wie Schostakowitschs Präludien und Fugen. Wie der aus Moskau stammende und in Berlin lebende Klavierkünstler die ersten zwölf Präludien und Fugen aus op.87 von Schostakowitsch durchmisst, ist eine pianistische Meisterleistung. In großer Klarheit und Transparenz meißelt Melnikov diese fantasievoll gearbeiteten Präludien und kunstvollen strengen Fugen aus den Tasten, macht die polyphonen Strukturen durchsichtig. Bei Schostakowitsch erweist sich Melnikov wiederum als gedankenvoller, überlegt gestaltender, nach innen horchender Interpret. Prägnant und deutlich akzentuiert, gestochen scharf herausgezirkelt und von filigranster Klangsubtilität durchleuchtet er den Mikrokosmos an Gedanken, Formen, Charakteren in diesen Stücken, die nicht nur vom Interpreten, sondern auch vom Zuhörer ein Höchstmaß an Konzentrationsfähigkeit verlangen.

In Melnikovs strukturklarem, konturenscharfem Spiel wird deutlich, dass sich Schostakowitsch in diesen Präludien und Fugen von Bachs Wohltemperiertem Klavier inspirieren ließ. Melnikovs Interpretation gleicht einer Innenschau, einem Blick in Schostakowitschs komplexe Klangwelt, die er sehr differenziert durchdringt. Das Elegische, die leise Trauer, die von Tragik umschattete, verhaltene Stimmung, die oft mitschwingt, entfaltet Melnikov in ruhigem, in sich gekehrtem Spiel. Melnikov vertieft sich mit geschärfter Klangsensibilität und Formbewusstsein in diese Stücke. Auch das Zarte, Fließende, Leichthändige in einigen der Präludien, die motorische Bewegung gelingt ihm sehr überzeugend. Wie differenziert der Pianist die Charaktere der Stücke ausformt und deren Ausdruckssphäre erfasst, verrät seine intensive Nähe zum Werk Schostakowitschs.

Eigentlich, so wandte sich Melnikov nach dem großen Beifall ans Publikum, würde er nach einem so langen und anstrengenden Programm keine Zugabe mehr geben. Aber er spielte doch noch ein traumhaft poetisches Skrjabin-Poème als Zugabe.

Autor: ros