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14. Juni 2013

Viel in Bewegung

BZ-PORTRÄT: Bernhard Schmidt ist der neue Leiter des Freiburger John Sheppard Ensembles.

  1. Bernhard Schmidt Foto: Pr

Lange hält es Bernhard Schmidt nicht an seinem Keyboard aus. Schon nach wenigen Takten steht er auf und geht in den Halbkreis hinein, den das John Sheppard Ensemble bei der Probe im Musiksaal der freien Waldorfschule St. Georgen gebildet hat. Er wandert durch den Raum, bewegt sich auf eine Stimmgruppe zu und zeigt genau an, welche Phrasierung er haben möchte. Seine Ansagen sind knapp und konkret. Schwierige Stellen singt der Dirigent vor. Wenn er Akkorde ausstimmt, dann hört er sofort, welche Stimme sich bewegen muss, damit die Intonation ins Lot kommt. Die Probe ist straff und konzentriert, die Informationsdichte hoch.

Die Leitung des von Johannes Tolle 1995 gegründeten Kammerchors hat der 31-jährige Saarländer im Winter übernommen. "Transitions" – Übergänge – heißt das erste Konzertprogramm mit ambitionierten A-Capella-Werken. Der Titel beschreibt auch ein wenig die gegenwärtige Situation des Chores. Durch den Dirigentenwechsel ist viel in Bewegung geraten. Viele langjährige Mitglieder haben den Chor verlassen. Die neuen Sängerinnen und Sänger müssen integriert werden. Statt zweier Programme pro Jahr werden nun drei anvisiert. Der Mitgliedsbeitrag wurde deutlich erhöht, um das (knapp bemessene) Honorar für den Dirigenten finanzieren zu können. "Johannes Tolle hatte als Geschäftsführer von Reservix gar keine finanziellen Ansprüche an den Chor. Ich dagegen muss von meinen musikalischen Tätigkeiten leben", sagt Bernhard Schmidt. Veränderungen gibt es auch in musikalischer Hinsicht. Schmidt möchte mit dem John Sheppard Ensemble die gesamte Breite des Repertoires realisieren. Deshalb hat er in sein Antrittskonzert ganz bewusst auch moderne Kompositionen genommen wie Lars Johan Werles "Canzone 126 di Petrarca", das in dieser Donnerstagsabendprobe im Mittelpunkt steht.

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Bernhard Schmidt zerlegt das Stück in seine Einzelteile – und setzt es behutsam wieder zusammen. Nach den Proben schreibt er immer eine Rundmail, in denen er die wichtigsten musikalischen Vereinbarungen zusammenfasst, damit auch die Fehlenden immer auf dem neuesten Stand sind. Der Anspruch an das erstklassige, zur Zeit 32-köpfige Ensemble (je zwei Bässe und Tenöre sollen noch dazukommen), dessen Mitglieder fast alle Gesangsunterricht haben, ist hoch. "Wenn alle gut vorbereitet in die Probe kommen, dann macht die Probenarbeit natürlich viel mehr Spaß."

Für die Musik musste er sich nie entscheiden. Durch seinen Großvater, der Kantor in der St. Michaels-Kirche in Saarbrücken war, erhielt Bernhard Schmidt (Jahrgang 1982) früh Klavierunterricht. Bereits im Alter von acht Jahren sang er gemeinsam mit seinen Eltern im Kirchenchor. Neben dem Singen wurde ab 1996 auch das Orgelspiel wichtig in seiner musikalischen Laufbahn. Vier Jahre später konnte er beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert den ersten Preis gewinnen. Gegenwärtig ist die Orgel in den Hintergrund gerückt. "Die Arbeit mit Menschen gefällt mir besser, als einsam auf der Empore auf der Orgelbank zu sitzen. Das Vermitteln von Musik hat mir schon immer großen Spaß gemacht."

Dass er zum Studium an die Freiburger Musikhochschule kam, hat auch mit Hans Michael Beuerle zu tun. In einem Projektchor hatte er den Freiburger Dirigenten kennengelernt. Und war begeistert von seinem Charisma und "der musikwissenschaftlichen Gründlichkeit, mit der Beuerle sich in die Partituren vertieft." Nach dem Studium der Schulmusik (Hauptfach Orgel bei Klemens Schnorr, Leistungsfach Gesang bei Reginaldo Pinheiro) und der Katholischen Kirchenmusik (Hauptfach Chorleitung bei Hans Michael Beuerle) und einer vierjährigen Tätigkeit als Kirchenmusiker in St. Georgen ging Bernhard Schmidt 2006 für ein Jahr mit einem Erasmus-Stipendium nach Stockholm, "um zu erfahren, was sonst noch in der Welt musikalisch passiert." Dort profitierte er nicht nur von den hervorragenden Dozenten und professionellen Ausbildungsbedingungen, sondern leitete auch mit dem Ensemble "A Scalpella" der medizinischen Fakultät einen Chor. Nach dem musikalisch reichen Jahr in Schweden war dem Vollblutmusiker endgültig klar, dass er Chordirigent werden wollte.

Große Erfahrung mit Laienchören

Zurück in Freiburg lernte er im Aufbaustudium Chorleitung bei Morten Schuldt-Jensen den Zusammenhang zwischen Geste und Klang zu ergründen. Bis heute sammelt er auch viel Erfahrung bei verschiedenen Laienchören, größeren und kleineren Ensembles und ist im saarländischen Chorverband für die Chorleiterausbildung zuständig.

Das semiprofessionelle Freiburger John Sheppard Ensemble ist nun der neue künstlerische Mittelpunkt in Bernhard Schmidts musikalischer Tätigkeit. Für das Antrittskonzert "Transitions" mit A-Cappella-Werken aus fünf Jahrhunderten hat er bewusst die Messlatte hoch gelegt. "Wir wollten bewusst keine "Greatest Hits" machen, sondern zeigen, dass es neben Bach, Mendelssohn und Brahms noch viel Spannendes zu entdecken gibt."
– Konzerte des John Sheppard Ensembles: 14.6., 20 Uhr, Ettenheimmünster, St. Landelin. 15.6., 19.30 Uhr, Freiburg, Christuskirche (Werke von John Sheppard, Johann Christian Bach, Gesualdo, Britten u.a.) Tel. 0761/496 8888.

Autor: Georg Rudiger