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18. Juni 2010

"Voll gut": Kinderkonzerte der SWR-Sinfoniker

Das SWR-Sinfonieorchester in Freiburg kombiniert anspruchsvolle Sinfonik und Texte für junge Hörer, ohne ein "Kinder-Unterhaltungsprogramm" zu bieten.

  1. Foto: SWR/Lamparter

  2. Kinder, Kinder: Impressionen vom SWR-Konzert Foto: swr/lamparter

Im Publikum sitzen lauter Dirigenten. Junge Dirigenten, irgendwo zwischen sechs und zwölf, dreizehn Jahren. Da schießen die Arme der Erst- bis Fünftklässler in die Luft beim ersten Kinderkonzert des SWR-Sinfonieorchesters im Freiburger Konzerthaus, die Köpfe wippen im Takt nach dem Vorbild des – echten – Dirigenten André de Ridder. Vor allem bei den schnellen und lauten Stellen kommt Bewegung ins Publikum. "Ich fand die Musik ziemlich gut", sagt Florian Schwehr (elf Jahre) aus der 5b vom Friedrich-Gymnasium in Freiburg später. Besonders das letzte Stück, Igor Strawinskys Schlusshymne aus dem "Feuervogel", habe ihm gut gefallen, "weil es so wild war". Seine Klassenkameradin Anna Noack (elf) findet vor allem die Trommeln gut.

Aber es gibt auch stille und konzentrierte Momente während des 50-minütigen Konzerts "Himmelweit". Vielleicht weil Ute Kleebergs Geschichte von einem Jungen, der Florin heißt und fliegen kann, zur Musik von Hans Werner Henze und Igor Strawinsky die Zuschauer in ihre Traumwelt hineinzieht. Vielleicht auch, weil Wolfram Lamparter, zuständig für die Kinder- und Jugendprojekte beim SWR-Sinfonieorchester, die Kinder vor der Vorstellung gebeten hatte, sich den Applaus für nach dem Stück aufzuheben – "wegen der vielen leisen Töne". Dass die Kinder aus fast 30 Schulklassen Krach machen können, bewiesen sie nämlich schon vor der Aufführung. So begeistert werden die Musiker des SWR-Sinfonieorchesters wohl selten empfangen. Lamparter begrüßt die Kinder: "Hallo, liebe Kinder". Und schon tobt der Applaus. "Wir haben uns etwas Besonderes für euch ausgedacht." Tosender Beifall. "Ute Kleeberg hat die Geschichte für euch geschrieben, da vorne sitzt sie." Die Zuschauer verdrehen die Köpfe – Jubel für Ute Kleeberg.

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Doch als Erzähler Christian Brückner ans Mikrofon tritt, sind die Schüler mucksmäuschenstill. Die deutsche Stimme von Robert De Niro macht anscheinend Eindruck auf die Zuschauer. Ein Mädchen in der ersten Reihe der linken Empore im Rolf-Böhme-Saal hält sich fast das ganze Stück durch am Geländer vor ihrem Sitz fest, stützte das Kinn auf die Hände und schaut wie gebannt auf die Bühne. Mit seiner mal sanften, mal rauen Stimme erzählt Brückner die Geschichte von Florin, der fliegen kann. Mit Bändern aus weichem Rentierleder bindet sich Florin seine Flügel um, und dann geht es hoch in die Wolken, erzählt Brückner, "und dort spürte er dann für einen Wimpernschlag die Ewigkeit". Bei solchen Sätzen bekommen nicht nur die jüngsten Zuschauer Gänsehaut. "Den Sprecher fand ich cool, weil der hat, wenn es windig wurde, auch immer so gesprochen", sagt Julia Rump (elf Jahre) aus der 5b des Friedrich-Gymnasiums. Und ihr Klassenkamerad Florin Frank (auch elf) ist richtig begeistert: "Der hat es so erzählt, als hätte er es miterlebt. Und dann hat er auch immer mit den Händen mitgemacht", schwärmt er. "Ich finde auch, die Geschichte lädt zum Träumen ein", sagt Florin Frank, der sich als Namensvetter der Hauptfigur besonders angesprochen gefühlt hat. Auch Anna kann sich gut in die Handlung hineinversetzen: "Ich fand die Geschichte voll gut. Vor allem, dass der Junge fliegen konnte."

Die Szenen, in denen Florin vom Wind in die Luft getragen wird, sind wohl die stärksten des Stücks: "Er trug Florin vorsichtig in seinen Armen, höher und höher, erst so hoch wie die höchste Tanne der Taiga und dann noch höher, hinweg über die höchsten Berge. Da öffnete sich das Land unter dem Jungen himmelweit", liest Brückner. Orchestersätze aus Igor Strawinskys "Feuervogel" und Hans Werner Henzes "Fünf Botschaften für die Königin von Saba" korrespondieren mit der Erzählung. Durch die Kombination soll anspruchsvolle sinfonische Musik – auch der Moderne – für Kinder zugänglich gemacht werden. "Ein bisschen langweilig", findet das ein Mädchen, "Baby", ein anderes. Aber die Begeisterung scheint zu überwiegen.

Nach einer halben Stunde gibt es die ersten Klassenwanderungen durch den Saal – vermutlich Richtung Klo. Immer wieder wuselt und wispert es, manchmal können die jungen Zuschauer ihren Applaus kaum zurückhalten. Die Musiker hat das alles nicht gestört. Die 26-jährige Maren Duncker wartet im Anschluss an die Aufführung wie einige Kollegen aus dem Orchester auf die Kinder verschiedener Klassen. Sie stellt ihr Fagott vor und beantwortet Fragen. "Es macht viel Spaß", sagt Duncker, "da kommt jede Menge Freude zurück." So eine tolle Atmosphäre hätte sie nicht erwartet.

Das neue Konzertformat wird nach dem Pilotprojekt (in Kooperation mit der Edition Seeigel) in der neuen Spielzeit in Serie gehen. Aber ganz bewusst nicht als "Kinder-Unterhaltungsprogramm", wie man beim Orchester betont. Was freilich den Spaß an der Sache nicht ausschließt, wie der Auftakt gezeigt hat.

Neue Termine ab September unter      http://www.swr-sinfonieorchester.de

Autor: Sarah Nagel