Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Mai 2017

Zart, aber nicht ohne Kraft

Das dritte internationale Bassetthorn-Festival in Kandern bietet jede Menge Musik, wie man sie nicht alle Tage hört .

  1. Diese Nachbauten historischer Bassetthörner aus der Zeit um 1800 spielen David Glenn und Peter Geisler bei der Matinee am 26. Mai. Foto: Daniel Gramespacher

  2. Peter Geisler Foto: Daniel Gramespacher

  3. David Glenn Foto: Daniel Gramespacher

Das Instrument ist eine Randerscheinung, wer sich als Profi-Klarinettist damit befasst, ein Exot. Selbst große Festivals in Los Angeles oder Madrid lassen dieses Mitglied der Klarinettenfamilie links liegen. Umso höher ist die Bedeutung des Internationalen Bassetthornfestivals in Kandern einzuschätzen. Zum dritten Mal nach 2009 und 2013 treffen sich dort vom 25. bis 28. Mai Spezialisten aus aller Welt zu Workshops und Vorträgen, aber auch zu sechs Konzerten mit Erst- und Uraufführungen für ein breites Publikum.

"Es gibt nichts Vergleichbares", sagt Peter Geisler, der an der Musikschule Mittleres Wiesental Klarinette und Saxophon unterrichtet. Zusammen mit David Glenn, der in Lörrach die beiden Instrumente lehrt, sowie dem Komponisten und Klarinettisten Willi Vogl, der derzeit in England weilt, organisiert er das Festival. Den Anstoß zur Bassetthorn-Hochburg Kandern gab ein Zufallsfund: Auf dem Dachboden des dortigen Heimat- und Keramikmuseums wurden 2008 in einer Kartonschachtel Bruchstücke von Instrumenten entdeckt, darunter Teile von zwei Bassetthörnern aus der Zeit um 1830 mit genügend Substanz, um sie zu restaurieren und mit Einschränkungen zu spielen.

Werbung


Wie die Hörner nach Kandern kamen, ist ein Mysterium

In einem alten Protokollbuch der Stadtmusik Kandern ist vermerkt, dass bei einem Konzert mit dem Gesangverein am 9. November 1840 die Soli für Bassetthörner beim Publikum bestens angekommen seien. Wie die die Bassetthörner nach Kandern kamen, sei aber immer noch ein Mysterium, sagt Geisler. Das Bassetthorn, dessen Schallstück wie das Ende eines Hornes aussieht – daher der Name –, sei in Kammermusik und Opernorchestern, nicht aber in Musikvereinen eingesetzt worden. Die beiden Kanderner Bassetthörner, die beim Festival erneut mehrmals angespielt werden, haben eine unterschiedliche Grundstimmung, wurden also nicht zusammen gespielt.

Seine erste Blüte erlebte das Bassetthorn als Soloinstrument Ende des 19. Jahrhunderts. Es gilt als Mozarts Lieblingsinstrument. So gibt es denn auch jede Menge interessanter Literatur aus jener Zeit. Zart, aber nicht ohne Kraft, charakterisiert Glenn den obertonreichen Klang des Instruments, das leichter in die Höhe und weiter in die Tiefe geht als die gängige B-Klarinette; mit fünf Oktaven hat das Bassetthorn denn auch einen sehr großen Tonumfang.

Eine Renaissance erfuhr das Instrument von etwa 1980 an dank Komponisten der neuen Musik, allen voran Karlheinz Stockhausen. Neue Musik ist denn auch ein integraler Bestandteil des Kanderner Festivals, zu dem sich rund 30 Teilnehmer aus aller Welt angemeldet haben. Strukturell folgt es dem bewährten Muster mit einem Mix aus dem fachlichem Austausch und angeleitetem Üben in Workshops auf der einen und insgesamt sechs Konzerten für die breite Öffentlichkeit auf der anderen Seite. Zu hören sind neben etlichen Erstaufführungen von Bearbeitungen von Mozart und Solér auch drei Uraufführungen. Volksliedhaftes zieht sich wie ein roter Faden durch diese neuen Werke. Das sei purer Zufall, erklärt Geisler. Vielleicht lag es auch in der Luft, ergänzt Glenn. Unter dem Titel "Jodler" hat Willi Vogl drei musikalische Grußformeln entwickelt: Servus, Holleradio und Tarzan. Rumi Sota-Klemm, eine der namhaftesten Interpretinnen der Stockhausen-Werke für Bassetthorn, wird "Jodler" aus der Klangtaufe heben. Peter Klaus hat "Vreneli ab em Guggisberg", eines der ältesten Schweizer Volkslieder für Bassetthorn-Trio gesetzt, in Kandern gespielt vom ClarinArt Ensemble aus der Schweiz. Das japanische Princess Bassetthorn Trio schließlich führt "Vier Jahreszeiten" auf, ein neues Medley über Volkslieder aus seiner Heimat.

Nach der Festivalpremiere 2009 wurden im Kanderner Museum übrigens weitere Instrumente entdeckt: zwei fünfklappige Buchsbaumklarinetten aus der Zeit um 1800 sowie zwei Bassklarinetten aus der Zeit um 1860. Diese möchten Glenn und Geisler nun auch restaurieren lassen. Die Spenden, die beim Austritt der sechs Konzerte zusammenkommen – bei allen ist der Eintritt frei – , sollen zusammen mit dem Erlös von 2014 einen finanziellen Sockel dafür bilden. Die Organisatoren hoffen denn auch auf zahlreiche und spendable Konzertbesucher. Im Gegenzug verspricht Geisler jede Menge außergewöhnliche Musik, "wie man sie alle Tage hört". Und wer sich ein Bild von den historischen Instrumenten aus Kandern machen will, hat dazu ebenfalls Gelegenheit. Im Museum, das außer der Reihe am 27. Mai von 12 bis 14 Uhr geöffnet ist, sind sie in einer neu eingerichteten Vitrine ausgestellt.

BASSETTHORN-FESTIVAL: Konzerte

» Eröffnung: Donnerstag, 25. Mai, 19.30 Uhr, evangelische Stadtkirche Kandern: Ensemble tri-Rhena und Mitglieder des Oberrheinischen Sinfonieorchesters
... mostly Mozart...:
Freitag, 26. Mai, 11 Uhr, evangelische Stadtkirche: Jacqueline Forster und Susanne Hagen (Sopran), Ralf Ernst (Bass) & Roggenbach-Trio
» Clarinart-Ensemble: Freitag, 26. Mai, 19.30 Uhr, kath. Kirche Kandern
Gäste aus Japan: Samstag, 27. Mai, 10.45 Uhr, evang. Stadtkirche: Princess Bassetthorn Trio, Rumi Sota-Klemm, Sayaka Schmuck
Clarimonia: Samstag, 27. Mai, 19.30 Uhr, evangelische Stadtkirche
Abschluss-Matinee: Sonntag, 28. Mai, 11.15 Uhr, evangelische Stadtkirche: mit allen Festivalteilnehmern (Leitung: Willi Vogl)
» Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei; beim Austritt wird eine Spende erbeten.  

Autor: gra

Autor: Daniel Gramespacher