Zwiegespräche mit Wasser

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mo, 19. September 2016

Klassik

Impressionen vom ersten "Klangparcours" des Freiburger Vereins für Neue Musik Mehrklang am Waldsee.

Wer sich auf die Natur als Partner einlässt, muss mit allem rechnen – so die leid- und teils gefahrenvolle Erfahrung von Festivalveranstaltern. Und doch: Der unmittelbare Dialog der Musik mit dem Draußen fasziniert, vor allem, wenn da nicht nur eine Open-Air-Bühne steht, sondern die Natur unmittelbar einbezogen wird in die tönenden Ereignisse. Bei einem "Klangparcours", umgesetzt von Mehrklang e.V., dem Freiburger Verein für Neue Musik, wurde nun erstmals der Waldsee Spielpartner.

In der Ferne rattert der Höllentalexpress

Ein Gewässer, wie geschaffen für räumliche Effekte: Mächtige Kuhglocken werden rund um den See geschwungen, läuten die Dramaturgie ein. Mike Svoboda lässt sein Alphorn über das Wasser tönen, ein Dutzend Bläser fallen ein, gestopftes Blech, tremolierendes Holz. Michael Kiedaisch hat sich von einer Muothataler Melodie zu diesem Stück inspirieren lassen, das zugleich saumfrei Akteure der Neuen Musik und des Musikvereins Littenweiler beteiligt. Der Blick geht auf die spiegelglatte Oberfläche, wo sich ein Tretboot mit dem Oboisten Christian Hommel in Gang gesetzt hat. Wie ein postmoderner Schwanengesang tönt Luciano Berios "Sequenza VII" ans Ufer, wo ihm ein Bassklarinettenbordun antwortet. Und durch Benjamin Brittens "Narcissus" rattert in der Ferne der Höllentalexpress. Auch der amerikanische Autor Henry Thoreau berichtet von Zügen, die vor 170 Jahren seine Einsamkeit am Waldensee durchschnitten. Ihm und seinem Werk "Walden" hat der Däne Hans Abrahamsen ein Werk für Bläserquintett gewidmet, das unter einem illuminierten Baum – die Dämmerung ist inzwischen hereingebrochen – erklingt: geheimnisvolle, reibende Liegetöne, unterbrochen durch kurzes Schnattern, Fagott und Klarinette flimmern in hohen Lagen wie ein Wellenkräuseln, eine hüpfende Flöte zeichnet eine Vogelstimme nach. Und an den Ufern warten schon zwei Sirenen, die sich mit dem Waterphone, diesem einzigartigen Artefakt zwischen Geige, Trommel und Lamellophon, sägend-kristalline Klänge über den See zuschwappen lassen. Im stimmungsvoll beleuchteten Pavillon ein raffiniert ausharmonisiertes Arrangement (Christian Billian) von "Kein schöner Land": Das Freiburger Akkordeonorchester fängt wehmütig Wellenbewegungen und Unterströmungen im Tastenspiel auf. Dass ihr Stück "Es war einmal..." für Flöte und Fagott so unmittelbar mit der Natur kommunizieren würde, hätte sich die junge Komponistin Hana Hosea wohl nicht gedacht: Eulenrufe leiten das Zwiegespräch voller Flatterzungen und Staccati ein, Windböen kommen auf, ein Hund kläfft in eine expressive Überblasmelodie. Bis zum Bauch im See stehen dann die fünf Spieler des Freiburger Schlagzeugensembles, schicken den Schall ihrer Kalebassen in den See hinein, lassen die Klangfarben von der Lage im Wasser bestimmen. Schnarrend, schnurrend und jauchzend, wie eine wilde Wassernixe schickt Christiane Schmeling wiederum Berio-Klänge auf den nun dunklen See – und zum Finale tun sich Akkordeonorchester und Holzbläser aus drei Hörwinkeln zur unbeantworteten Frage von Charles Ives zusammen. Unbeantwortet? Eine aufgebrachte Entenfamilie setzt den Schlussakzent.