Alles im Fluss

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 18. Juni 2013

Klassik

Das John Sheppard Ensemble unter Bernhard Schmidt.

"Transitions" (Übergänge) hatte Bernhard Schmidt sein Antrittskonzert mit dem John Sheppard Ensemble in der Freiburger Christuskirche genannt. Und damit den Übergang von Leben zum Tod und von geistlicher zu weltlicher Musik gemeint, der die Programmkonzeption des eineinhalbstündigen A-Cappella-Konzertes prägte. Aber Übergänge sind auch bei jedem einzelnen der hochkomplexen Chor-Sätze zu hören – von polyphoner Motette zu homophonem Choral wie etwa bei Johann Christoph Friedrich Bachs fokussiert und mit hoher Textverständlichkeit gesungenem Chorsatz "Ich lieg und schlafe ganz mit Frieden". Oder von emotionaler Schlichtheit zu höchster Expressivität wie in Sven-David Sandströms Purcell-Bearbeitung "Hear my prayer, o Lord", die der Freiburger Chor mit einem beeindruckenden Crescendo versieht.

Alles ist im Fluss. Bernhard Schmidt lässt die Musik atmen. Und achtet in seinem unaufgeregten, oft halbtaktigen Dirigat auf die große Linie. Das John Sheppard Ensemble besticht durch Intonationssicherheit, Flexibilität und einen homogenen Chorklang. Nur der Sopran wirkt gelegentlich etwas scharf wie beim nur von den Frauenstimmen gesungenen "In pace, in idipsum dormiam" vom Namensgeber John Sheppard. Hier ist noch nicht der gleiche Verschmelzungsgrad erreicht, den die Männer bei Sheppards "In manuas tuas, Domine II" vorlegten.

Sprechen, seufzen, stöhnen, brüllen

Aber ein schärferer Sopran kann auch als musikalisches Ausdrucksmittel dienen. Charles Villiers Stanfords spätromantische Opulenz in "Beati quorum via" erhält erst durch die glasklar gezogene oberste Linie eine charakteristische Ausdruckskraft. Im musikalisch anspruchsvollsten Chorsatz, dem "Canzone 126 di Francesco Petrarca" des schwedischen Komponisten Lars Johan Werle (1926-2001), begeistern die Sängerinnen und Sänger dann mit der gesamten Bandbreite des Vokalen. Da wird gesprochen, geseufzt, gestöhnt und auch einmal fast gebrüllt, wenn bei "Fuggir la carne" der Geist die sterbliche Hülle verlässt. Aber auch im gehaltenen, dunklen Mezzavoce-Klang von Benjamin Brittens "Carol" aus dem Zyklus "Sacred and Profane" op. 91 setzt das von Johannes Tolle gegründete John Sheppard Ensemble Maßstäbe. Nur die Verbeugungszeremonie und die kunstvollen Auf- und Abtritte wirken zu gestylt. Das zugegebene "Da unten im Tale" in der Brahms-Bearbeitung dagegen behält trotz genauester Modellierung seine Natürlichkeit.