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18. Mai 2013

Die großen Gefühle

Der Pianist Alexander Krichel und seine Romantik-CD "Frühlingsnacht" / Konzert in Freiburg.

  1. Sehr begabt: Pianist Alexander Krichel Foto: Pro

So jung und künstlerisch schon so reif: Diesen Eindruck bekommt unwillkürlich, wer sich mit dieser CD von Alexander Krichel befasst. Der in Hannover und seiner Geburtsstadt ausgebildete Hamburger des Jahrgangs 1989 kann mit der Musik der deutschen Romantik. Das Ereignis sind die allein dem Klavier zugedachten Liedarrangements Franz Liszts. Herrlich zu Beginn die Liszt’sche Version von Schumanns "Frühlingsnacht", dem finalen Beitrag aus dessen "Liederkreis". Ungemein leicht (derlei muss auch der Flügel erst mal ermöglichen!) und überirdisch schön klingt diese Musik hier. "Alte Wunder wieder scheinen mit dem Mondesglanz herein" oder "durch die Lüfte": Eichendorffs Sprache wird aufs Herrlichste musikalisch versinnlicht. Und das mit feinster Agogik und Farbvaleurs, nie übertourt.

Was Liszt aus seinen Vorlagen macht, tritt hier klar zutage: komponierte Interpretation (wie Hans Zender sein eigenes Tun im Fall von Schuberts "Winterreise" umschrieb). Vergessen auch die scharfe Kritik ("Kopistenarbeit"), mit der 1895 der junge Max Reger Liszts Klaviertran- skriptionen Bach’scher Orgelwerke überzog. Via Liszt führt Krichel zu Robert Schumann. Und zu den großen Gefühlen. Tonartlich sensible Ohren mag allerdings einen Moment lang irritieren, dass die "Frühlingsnacht" im originalen Fis-Dur unmittelbar neben dem im Quintenzirkel ja doch weit entfernten As-Dur des "Myrthen"-Auftakts "Widmung" steht. Bestens gelungen auch Krichels Resultate, wo Liszt Schubert-Preziosen bearbeitet. Unnachahmlich intim dieses "Leise flehen meine Lieder" beim "Ständchen". Und das stets ohne Singstimme, eben rein instrumental! Der Pianist liefert die Poesie gleich mit. Durch die Bank bei allem, was er musikalisch anfasst. So etwa bei den Liedern ohne Worte Mendelssohns.

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Auch Mendelssohns "Variations sérieuses", diese 17 Veränderungen von 1841, berühren ungemein. Bei Krichel reißt die Spannung niemals ab. Da darf das Thema wie ein vierstimmiger Choralsatz daherkommen. Da dürfen sich die Variationen entwickeln. Da changiert die Musik zwischen barocker (Choral-)Partita und einer Reihe romantischer Charakterstücke. Man goutiert, wenn es polyphon wird. Krichel ist ein Klavierkünstler mit eminenter Technik und sehr viel Geschmack. Klar, der "Erlkönig" hat Dramatik. Krichels Domäne aber sind die klangsinnlichen Facetten des Leisen. Wenn er den Bezug herstellt von Mendelssohns Venezianischem Gondellied op. 19 Nr. 6 zur Melancholie Chopins, dann ist selbst das nicht abwegig.

Bei aller Reife hat Krichels Klavierlyrik etwas Frisches, Unverbrauchtes, Heutiges. Über die Qualität kann man nur staunen. Diesen Jung-Pianisten lediglich als Talent zu apostrophieren, wäre glatt eine Untertreibung.
– Alexander Krichel (Klavier). CD: "Frühlingsnacht", Sony 88725462262. Konzert: Freiburg, Historisches Kaufhaus, Dienstag, 11. Juni, 20 Uhr. BZ-Kartenservice 0761/4968888.

Autor: Johannes Adam