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12. Juli 2013

Fern von kommerziellem Massageölduft

"Jetztrio!": Neue Klaviertrios von Freiburger Komponisten mit Musikern des Ensembles Aventure im E-Werk.

Wolfgang Rihm sprach dereinst in der ihm eigenen hintergründigen Ironie von einer "möbellastigen Besetzung, die es nicht mehr gibt, die aber noch herumsteht". Dabei ist er einer der wenigen zeitgenössischen Tonsetzer, die sich dem Klaviertrio annäherten. Im Gegensatz zum Streichquartett, das es 2010 zu Donaueschinger Musiktage-Ehren brachte, scheint diese Gattung ein Relikt aus Wiener Klassik und Romantik zu sein.

Deshalb klingt der orthographisch eher merkwürdige Titel "Jetztrio!", den die Interessengemeinschaft Freiburger Komponisten ihrem Programm gegeben hat, nach einem trotzigen Jetzt erst recht. Wobei, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zwei der sechs Werke des Abends mit dem Klaviertrio des Ensembles Aventure im Freiburger E-Werk gar keine Trios waren. Etwa Zsigmond Szathmárys "Mosaikbilder" für Klavier: ein Stück in einer sehr beredten Tonsprache, deren Formen und Inhalte sich kaleidoskopartig ändern. In den motorischen Passagen der Klaviermusik seines Lehrers Ligeti nicht unähnlich, fasziniert Szathmárys musikalisches Mosaik durch seine schwer durchschaubare Architektonik in höchst virtuosem Gewande, von Akiko Okabe mit elektrisierendem, energetischem Spiel bis hin zum weich ausfließenden Ende bewundernswert umgesetzt.

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Ist die Gattung Klaviertrio also doch obsolet? Der Abend gibt keine eindeutige Antwort. Zumindest wird sie nicht neu erfunden. Günter A. Buchwald ist mit seinem Klaviertrio Nr. 1 "Hatirlaycaginiz gibi" ("Du wirst Dich erinnern an") eine berührende, durchkomponierte Trauermusik auf die Opfer der NSU-Anschläge gelungen. Besonders die Engführung von Violine und Violoncello mit den zeitlich kurz versetzten, korrespondierenden Klängen fasziniert. Friedemann Treiber (Violine) und Beverly Hills (Violoncello) harmonieren hier, wie generell, tonlich sensibel. Andreas Fervers verfolgt in "Trippel trap, trab…" eine ganz andere Ästhetik mit einer punktuell, auf Mikrostrukturen reduzierten Musik, die in ihrer minimalistischen rhythmischen Komplexität nicht nur die Konzentration der Ausführenden auf die Probe stellt.

Wolfgang Motz’ Klaviertrio für junge Spieler wirkt dagegen wie das konservativste Werk des Abends – aber im guten Sinn. Die drei kurzen Sätze verstehen sich als elaborierte Spielmusik, kurzweilig, geistreich und rundum anspruchsvoll.
Keine Uraufführungen sind die beiden Werke Frank Michaels. "Graffiti" (1996) für Violine und Klavier versteht der Komponist als klangliche Antwort auf die "Farbbrutalismen" dieser Malerei – kolportageartig, überaus virtuos und heterogen in der Faktur. "Yantra" (1974) ist ein spiritueller Entwurf von Musik, fern vom kommerziellen Massageölduft so genannter tantrischer Musik. Mit seinen avantgardistischen Spieltechniken, besonders beim Klavier, ist dieses Werk wohl am weitesten entfernt von der "möbellastigen Besetzung", ohne gleich platt exotisch zu wirken. Dass Friedemann Treiber und Beverly Hills zusammen mit Akiko Okabe ein Klaviertrio von bemerkenswerter Homogenität und Qualität formen, sei zum Schluss nochmals ausdrücklich hervorgehoben.

Autor: Alexander Dick