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18. Mai 2010

Theater Freiburg

Götterdämmerung: Die Welt ist ein Kartonhaus

Festspielreif: Die "Götterdämmerung" am Theater Freiburg.

  1. Theater Freiburg: Götterdämmerung. Mit Christian Voigt (Siegfried) und Sabine Hogrefe (Brünhilde) Foto: Maurice Korbel

Augen schließen lohnt zwischenzeitlich. Aber wirklich nur ganz, ganz kurz. Denn es geht nicht um Flucht vor der Inszenierung. Sondern, um kurzfristig vollkommen in diesen Wagner-Klang einzutauchen. Dass er "nur" einem Stadttheater entspringt, einem Haus der Größenordnung Freiburgs, ist eine der vielen großen und kleinen Sensationen des Abends. Dass solches eben nicht selbstverständlich ist, zeigt der frenetische Applaus nach dieser "Götterdämmerung"-Premiere. Rund eine Viertelstunde klatschende und jubelnde Emphase – da wird der Opernalltag zum Bühnenfestspiel.

Die Augen offen zu halten lohnt umso mehr. Frank Hilbrich hat diesen – seinen – Freiburger "Ring des Nibelungen", der ursprünglich nur ein "Rheingold" werden sollte, mit bemerkenswerter Konsequenz und Stringenz zu Ende geschmiedet. Das hätte man, offen gesagt, nach den zwiespältigen Erfahrungen aus dem "Siegfried" im Vorjahr nicht unbedingt so erwartet. Es geht auch gar nicht darum, ob man Hilbrichs Sichtweise auf Wagners Gesamtkunstwerk rundum teilt – hier geht es um Schlüssigkeit, um den Blick aufs Ganze. Und zu dem hat Hilbrich mit dieser "Götterdämmerung" eindrucksvoll zurückgefunden. Zumal er die Grundidee dieser Inszenierung, den Mythos, das Weltendrama, auf reine Vermenschlichung zu konzentrieren, in schlüssigen Szenen und Bildern zu Ende denkt. In der Tradition des Brecht’schen Lehrstücks.

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Wie denkt sich Frank Hilbrich in Wagners Weltuntergang hinein, wie denkt er ihn fort? Durchaus dialektisch. Für die Welt, die der Zivilisationsform Gibichungen – und es wird schnell klar, dass dies keine andere sein kann als die unsere, haben er, sein Bühnenbildner Volker Thiele und seine Kostümbildnerin Gabriele Rupprecht, eine ebenso simple wie vielschichtige Metapher gefunden: Kartons, in denen sich Wissen sammelt – Bücher, Akten, Verträge... Ein komplexer Kosmos, der sich manchem verschließt: Siegfried, dem bildungsfernen Naturburschen etwa. Oder Gunther, dem allzu schwachen, volksdümmelnden Regierungschef der Gibichungen. Nicht aber den Intriganten, den Krisengewinnlern vom Schlage eines Hagen. Keine guten Aussichten für diese Welt, die nur ein Kartonhaus ist. Sie wird am Ende einfach einstürzen, und aus ihren Trümmern "sehen die Männer und Frauen in höchster Ergriffenheit" (Originalregieanweisung Richard Wagner) in Richtung Publikum: Schaut her, ihr seid gemeint! Ein gar trostloser Fall von "Ideologiezertrümmerung" à la Brecht? Nicht ganz. Denn hier zeigt der Regisseur seinen Musiksachverstand, wenn er diese Menschen zuvor in den Orchestergraben blicken lässt, aus dem Wagners Trost spendendes Erlösungsmotiv erklingt. Will sagen – hört hin, es gibt noch eine Chance!

Es sind auch die gescheiten Rück- und Querverweise, die die Qualität der Produktion ausmachen: der rote Kabarett-Vorhang der "Rheintöchter", die Puppenwelt der "Walküre", die Brünnhilde jetzt endgültig zertrümmert; das Pferd Grane als Stofftierchen. Der Blick auf den entmythisierten Mythos geht nicht ohne Ironie ab. Die aber bleibt meist diskret, so wie die beiden stummen Herren in schwarzen Anzügen, die der Szene an ihren Weichstellungen folgen. Hilbrich entwickelt sie aus Wotans Raben, den Spionen des resignierten Gottes – Verwalter der Konkursmasse Walhall?

Da sollten Debüts

in Bayreuth bevorstehen.

Brünnhilde wird aus all diesen Entwicklungen gestählt, aber auch entemotionalisiert hervorgehen. Eine Mutter Courage des Mythos, am Ende mehr Kerl als Frau, vielleicht noch eine winzige Spur von Fidelio, doch eher desillusioniert denn idealistisch. Darüber lässt sich kontrovers diskutieren, nicht aber über die Interpretin. Sabine Hogrefes "Götterdämmerungs"-Brünnhilde krönt ihre bisherigen Gesangleistungen. In der Grundhaltung sehr lyrisch, weitgehend unforciert, mädchenhaft, mit stetig wachsendem Volumen ist sie zwar keine "Hochdramatische" im klassischen Sinn, aber eine an Zwischentönen und Tiefe reiche Alternative zu den Brünnhilde-"Schlachtschiffen". Noch steht sie in Bayreuth in der Warteposition – ihr Debüt dort hat sie sich längst verdient. Wie vielleicht auch in absehbarer Zeit Christian Voigt. Was für ein Einstieg in den Siegfried: jugendlich-kraftvoll, aber mit sinnlichen Zwischentönen, sauberer Höhe und hervorragend in der Artikulation. Hier wächst ein Tenor heran, der nicht nur das Material hat sondern auch die stimmliche Intelligenz für dergleichen Mammutpartien.

Ein Lob der Freiburger Ensemblepolitik (auch Sabine Hogrefe war an diesem Haus fest engagiert): Gary Jankowskis Hagen besticht im Verlauf des Abends immer mehr mit seiner gewaltigen Bassfülle und -potenz; Sigrun Schell und Wolfgang Newerla sind als Gutrune und Gunther alles andere als stimmliche Leichtgewichte und Anja Jungs Waltraute (aber auch 1. Norn) hat erdhaft-dramatische Ausstrahlung. Stimmig und mit feinem Mischklang die Nornen- und Rheintöchter (Sang Hee Kim, Jana Havranová, Lini Gong, Sally Wilson), glaubhaft naturalistisch der Alberich von Neal Schwantes.

Und dann der Chor: Nein, das ist nicht Bayreuth, es ist Freiburg. Doch Bernhard Moncado und das stark verstärkte Ensemble warten mit einer chorischen Exzellenzinitiative auf – festspielreif ob ihrer beispielhaften Klangpracht und Homogenität. Wie Fabrice Bollon und das Orchester, denen das vielleicht größte Kompliment gebührt. Wie sie Wagners Motivgewebe hochdifferenziert, von zahlreichen Einzelleistungen gekrönt, und subtil fortspinnen, hat, um im Bild zu bleiben, die Qualität eines belgischen Gobelins. Bollon aber ist Franzose, und das merkt man seinem Bild vom "Ring" auch an. Denn dieser ist noch mehr impressionistisch als expressionistisch. Man hört zwar Wagners thematische Arbeit, aber man sieht vor allem den Farbenreichtum dieser Musik, etwa gleich in den ersten Takten bei den Violinen, die Bollon impressionistisch abschattieren lässt. Claude Debussy war dereinst Bayreuth-Pilger, Pierre Boulez dort einer der interessantesten Dirigenten. Fabrice Bollons musikalische Handschrift in Sachen Tetralogie ist von alldem stark berührt, und das ist gut so. Und so lohnt es – in summa – diese "Götterdämmerung" zu erleben. Mit allen Sinnen...
– Weitere Aufführungen: 24. Mai, 2., 12. 27. Juni (jeweils 16 Uhr). "Ring"-Zyklus: 21. bis 26. September sowie 3. bis 8. Januar 2011. Tel. 01805/556656*

Autor: Alexander Dick