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29. Juli 2009 17:29 Uhr

Der Organist Stefan Schmidt im Freiburger Münster

Spielernatur an den Tasten

Der Würzburger Domorganist Stefan Schmidt (Jahrgang 1966) konzertierte an den vier Orgeln des Freiburger Münsters. Auf dem Programm Werke von Bach, Mendelssohn und Marcel Dupré sowie eine Improvisation.

  1. Seit 2005 ist er Nachfolger Paul Damjakobs als Würzburger Domorganist: Stefan Schmidt Foto: Pro

Es liegt wohl im Wesen des Menschen, hin und wieder an seine Grenzen zu gehen. Dies gilt auch für Künstler. Und so lotet Marcel Dupré in seiner Sinfonie Nr. 2 in cis-Moll das an der Orgel Mögliche aus. Dupré, jener Franzose, der als Interpret und Improvisator Weltkarriere machte, als Pädagoge eine Generation von Spitzenorganisten heranbildete und zudem ein fruchtbarer Komponist war. Auf dem Gipfel seiner exorbitanten Kunstfertigkeit war es der Meister selber, der seine Sinfonie 1929 im Wanamaker-Auditorium in New York aus der Taufe hob.

Jetzt brachte der unter anderem beim Dupré-Enkelschüler Daniel Roth ausgebildete Stefan Schmidt diesen höllisch schweren Dreisätzer ins Freiburger Münster. Vom Hauptspieltisch aus wurde vor allem die Marienorgel bemüht. Wobei Schmidt den mit "Allegro agitato" überschriebenen, mitunter aggressiven Kopfsatz streckenweise fast kammerorchestral und moderat deutete. Auf den mystischen Strecken zeigte sich, dass zwischen Dupré und seinem Eleven Messiaen nicht immer Welten liegen müssen. Rüstig gab sich das Marschthema. Viel Zuneigung schenkte Schmidt den filigranen Scherzo-Momenten. Und nach dem "Intermezzo" als Erholung für Spieler und Hörer kam die motorisch gewürzte Finaltoccata in der kniffligen Tonart Cis-Dur wie vom Komponisten gewünscht: "Très animé". Dazu Power. Die Orgel (auch) als Schlagzeug. Souverän die Auslegung.

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Schmidt, seit 2005 Nachfolger Paul Damjakobs an der fünfmanualigen Klais-Orgel des Würzburger Kiliansdoms, ist ein Könner. Auch die französisch eingefärbte Improvisation über den alten Marienhymnus "Ave maris stella" bewies es. Man hörte geradezu in Partitenform aneinandergereihte Variationen über das gregorianische Thema. Als klingende Orgelführung: von den Prinzipalen und Streichern über Trompeten und Vox humana bis hin (natürlich!) zum Glockenspiel. Und oft auch Stilkunde: wenn es so klang, als habe da mal Nicolas de Grigny die Hand im Spiel oder so grüblerisch wie bei Louis Vierne. Mal mehr, mal weniger an der Vorlage dran, wurde der Gottesmutter auch scherzando ein Ständchen gebracht. Ehe das Thema zum guten toccatischen Schluss im Pedal aufrauschte. Keck war’s, als der Gast ein g der dorischen Choralmelodie locker mal zum gis erhöhte.

An der Langschifforgel legte Schmidt Bachs C-Dur-Präludium BWV 547 nicht als Geschwindtanz an. So gemächlich (und durchhörbar!) wie selten wirkte hier dieser Satz im Neunachteltakt. Eher frisch dagegen die Fuge – mit der angenehmen Folge, dass man auf den gewichtigen (augmentierten) Pedaleinsatz nicht gar so lange warten musste. Durchs Band eines Mixturenplenums waren diese Bach-Fuge und das Finale der am Hauptspieltisch präsentierten D-Dur-Sonate Mendelssohns verbunden. In Ordnung! Besteht doch zwischen dem barocken Thomaskantor und dem Nachgeborenen aus der Romantik eine Seelenverwandtschaft. Mit einem Choralidiom hebt die Sonate an, als Festmusik ließ Schmidt sie gemessenen Schrittes ausklingen. Noch mehr war der Abend durch Virtuosität, Leidenschaft, Farbe und die nötige Kraft geprägt. Und nicht zuletzt durch die Spielernatur an den Tasten.

Autor: Johannes Adam