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27. September 2014

Das Kleine Wiesental steckt voller Geschichte(n)

Der Band 2014 "Das Markgräflerland" widmet sich intensiv dem Kleinen Wiesental / Besonderheiten, Land und Leute.

  1. Die Sternschanze bei Neuenweg ist auch ein Thema im Band 2014 des Geschichtsvereins Markgräflerland. Foto: Erich Meyer

KLEINES WIESENTAL (ros). "Die gute Stube des Landkreises", wie das Kleine Wiesental gerne genannt wird, ist nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern auch eine Fundgrube für Geschichten und Geschichte. Dies zeigt der Band 2014 "Das Markgräflerland". Die aktuelle Ausgabe des vom Geschichtsverein Markgräflerland herausgegebenen Bandes widmet sich schwerpunktmäßig Themen und historischen Besonderheiten im Kleinen Wiesental.

Zum Einstieg gibt es einen mehrseitigen fundierten Beitrag von Klaus Schubring über "Tegernau, das Kleine Wiesental und das Obere Wiesental vor 900 Jahren". Der Autor wirft einen Blick zurück auf die Anfänge der Besiedelung im Kleinen Wiesental und die ersten schriftlichen Nachrichten aus dieser Gegend in einer Schenkungsurkunde von 1113. Man erfährt, dass die Erschließung und Besiedlung der heutigen "guten Stube des Landkreises" im Hochmittelalter begann. Schubring legt dar, wie die Rodungen und Siedlungen immer tiefer in die Buchen- und Eichenwälder vordrangen und Ortschaften gewachsen sind.

Über die Geschichte des Gasthauses "Zur Krone" in Tegernau, die bis 1735 zurückgeht, berichtet Michael Fautz in einem mit historischen Fotografien bebilderten Beitrag. Bis 1905 bestand die "Krone" aus drei Gebäuden, aus dem Gasthaus sowie zwei Scheunen, in denen Zimmer für das Gesinde, Ställe für Equipagen und Pferde, Schlachtraum, Backstube, Waschküche und Heulager untergebracht waren. Fast zwei Jahrhunderte lang blieb das Gasthaus in Händen der Wirtsfamilie Hug; ab 1921 wurde es von den neuen Besitzern Friedrich und Berta Kallfaß betrieben. Deren Tochter Luise Kallfaß war die letzte Kronenwirtin.

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An den historischen Rückblick von Fautz schließt sich ein persönlich und lebendig verfasster Beitrag von Hans Viardot über das Wirtshausmuseum Krone an. Anschaulich führt Viardot die Leser durch das Gebäude, das durch Initiative des "Vereins zur Erhaltung des Gasthauses zur Krone in Tegernau" vor dem Verfall gerettet wurde.

Mit dem Sensationsfund des "Krone-Fläschchens", das bei Arbeiten in der "Krone" gefunden wurde, befasst sich Werner Störk. Als historischen Hintergrund erläutert Störk die Herstellung des grünen Waldglases und die Bedeutung der Glashütten in früheren Jahrhunderten im südlichen Schwarzwald und im Kleinen Wiesental. Das sechs Zentimeter lange, dünnwandige "Krone-Fläschchen" aus hellgrünem Waldglas sei das bislang einzige bekannte Objekt dieser Art in der Region. Die Form und die Ausformung der Lippe ließen den Schluss zu, dass es sich um einen Vorläufer der späteren kleinen Medizin- und Parfümfläschchen handle. Die Fundsituation ergebe Hinweise darauf, dass solche Fläschchen – als Hausschutz – in bestimmten Räumen im Boden vergraben wurden. Ein weiterer geschichtlicher Beitrag Störks beleuchtet die "Sternschanze auf dem "Hau" bei Neuenweg" – ebenfalls eine Rarität. Die ausgeprägte Form, die solide Ausführung und der ausgezeichnete archäologische Zustand belegten die Sonderstellung dieser Sternschanze – was Luftbildaufnahmen und Modelle verdeutlichen. Spannend wie ein historischer Krimi liest sich Werner Störks Bericht über das rätselhafte Epitaph aus Buntsandstein an der evangelischen Kirche von Neuenweg. Der Autor beschreibt die jahrelange Spurensuche in Adels- und Familienchroniken und Archiven, um Näheres über das Wappen, die Gedenkinschrift und den 1691 verstorbenen Johann von Marckloffski herauszufinden.

Lohnende Lektüre ist auch Peter Müllers Text über die alte "Tegernauer Fasnecht". Zu den überlieferten Bräuchen gehörte die typische Wirtschaftsfasnet ebenso wie die Schnitzelbänkler. Wie die "Uscherete" gefeiert wird und welche Narrengestalten, Narrenkleider, Larven in der traditionellen Tegernauer Fasnecht vorkommen, ist dokumentiert.

Auch Persönlichkeiten des Tals werden gewürdigt: So erinnert Hanspeter Vollmer an Karl Vollmer, einen "Musiker und Dirigenten mit Leib und Seele", der ein Kenner der Heimat, Chronist des Kleinen Wiesentals und Berichterstatter der hiesigen Zeitungen war, bekannt als "Mann mit Block, Kamera und Pfeife".

Kurt Vollmer erzählt die Lebensgeschichte des Bauern und Dichters Jakob Friedrich Vollmer (1849-1928) aus Schwand. Dieser war als Gemeinderat, Kreisrat und Mitbegründer des Lesevereins Schwand-Demberg vielfältig engagiert und betrieb zeitweise eine Schankwirtschaft – der Anfang des heutigen Landgasthofs Sennhütte.

Hans Viardot hält einen Rückblick auf das vorbildliche Wirken des DRK-Ortsvereins Kleines Wiesental von der Gründung 1974 bis zur Fusion mit dem Maulburger Ortsverein 2009. Außerdem stellt Viardot das ambulante Hospiz Kleines Wiesental vor, das seit 1990 schwerkranken und sterbenden Menschen und deren Angehörigen hilfreich zur Seite steht – ein "Vorreiter in der Sterbebegleitung". Entwickelt hat sich die Hospiztätigkeit in diesem ländlichen Raum durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Ärzten, Schwestern und Pfarrern.

Persönliche Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit in Sallneck von 1944 bis 1950 schildert Christine Kaltenbach. Ihre Familie fand damals Unterkunft bei einem Bauern im Dorf. Kaltenbach beschreibt das Dorfleben in dieser Zeit schwerer Arbeit um das tägliche Brot, als Leute aus den kriegszerstörten Orten zum Hamstern kamen.

Info: "Das Markgräflerland", Band 2014. Erhältlich im Buchhandel und über Horst Oettle, Tel. 07622/9517. Der Geschichtsverein Markgräflerland bietet bei seiner Jahrestagung am Sonntag, 28. September, um 10 Uhr im evangelischen Gemeindesaal in Tegernau Vorträge und eine Exkursion.



Autor: ros