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21. Januar 2017

Fette Schafe und reichlich Mineralien

BERGBAU IN NEUENWEG (TEIL 2): Im 15. Jahrhundert wurden vermutlich erstmals am Spitzkopf Erze abgebaut / Speiseplan 1773: Erdäpfel, Bohnen, Mangold und Salat.

  1. Konzentrat-Waschpfanne-mit-typischen-Mineraline-Belchenbach-2017.jpg Foto: Werner Störk

  2. s Foto: Werner Störk

  3. Blick zum markanten Spitzkopf. Links geht es hinab ins Dorf Neuenweg. Foto: Sattelberger

KLEINES WIESENTAL. In den letzten Monaten hat sich ein neuer Blick auf Neuenweg und seine regionale Bedeutung ergeben. Historiker Werner Störk hat dafür ungezählte Stunden im Gelände und am Schreibtisch verbracht. In dieser Serie beschreibt er den Aufstieg des Orts Neuenwegs neu. Abbauwürdigen Erze am Spitzkopf hatten großen Anteil an diesem Aufstieg.

Wie bei der allgemeinen Geschichte des hinteren Kleinen Wiesentals macht sich ebenso bei der Bergbaugeschichte ein Mangel schriftlicher Zeugnisse bemerkbar. So bleibt es offen, wann genau das Bleierz-Vorkommen am Spitzkopf südlich von Neuenweg entdeckt und zuerst abgebaut worden ist. Der Großteil dieser Abbaue, vom unteren Stollen vielleicht abgesehen, fällt nach Meinung der Bergbauexperten vermutlich ins 15. Jahrhundert.

Wichtig bei dieser zeitlichen Zuweisung ist die Tatsache, dass die stark durchgrabene Halde des oberen Stollens auch in der Tiefe keinerlei kleinstückiges Gangmaterial enthält, wie es für das 13. und 14. Jahrhundert charakteristisch ist und oft im Todtnauer Revier und Münstertal anzutreffen ist. Dagegen sind auf der Halde Bergeisen in großer Zahl gefunden worden. Typischerweise wurden "Gezähe" (Bergeisen) bis ins 14./15. Jahrhundert sehr sorgfältig gehütet und erst im 16. Jahrhundert relativ achtlos behandelt. Daher stammen fast alle Bergeisenfunde in unserer Region aus dem 16. und 17. Jahrhundert, teilweise auch aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Demnach begann der Abbau am Spitzkopf im 15. Jahrhundert.

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Bergherr in Neuenweg war damals der Markgraf von Hachberg-Rötteln. Durch Erbvertrag erwarben dann zu Anfang des 16. Jahrhunderts die Markgrafen von Baden die Landeshoheit.

Mit den Anfängen des Bergbaus am Spitzkopf ist auch die Funktion des Schlossbodens in der Nähe des Eck-Passes zu sehen, ist sich Historiker Werner Störk sicher. Die topographische Lage des Schlossbodens liegt unmittelbar an diesem wichtigen Passweg ("Neuer Weg") und gleichzeitig an der für einen solchen Überwachungszweck optimal nutzbaren engsten Stelle des Tales. Es ist der einzige Punkt, von dem aus alle bedeutsamen Beobachtungs-, Kontroll- und Zugangspunkte mit dem Auge erfasst und Vorort schnell erreicht werden konnten. Dies gilt vor allem für den markanten Spitzkopf, der mit seinem Silberbergwerk ein besonderes Augenmerk und eine unmittelbare Schutzfunktion beanspruchte. Und nur hier vom Schlossboden aus konnten die Bergherren die westlichen und östlichen Zugangswege aus den fremden Herrschaftsgebieten leicht kontrollieren, da von Süden her aus dem eigenen Territorium keine Gefahr drohte.

Am Schlossboden wurden alle wichtigen Wege kontrolliert

Deshalb wurde auch der Standort des Schlossbodens strategisch bewusst so gewählt und nicht in unmittelbare Nähe zur Erzgrube, da dort eine Überwachung der entscheidenden Zugangswege nicht möglich war. Die wohl erste detaillierte Beschreibung des südlichen Belchengebietes und damit auch mit umfassenden Hinweisen auf den Neuenweger und Heubronner Bann stammt von dem Geometer Karl Friedrich Erhardt aus dem Jahre 1773. Der Vermesser geht auf die Alltagssituation der Bewohner ein: "Jedoch baut man hierselbst nicht Frucht genug. Die Nahrung ist die Speise der Erdäpfel und die Genießung geschwellter Acker- oder Saubohnen. Die Viehzucht ist allhier stark."

Weiter schreibt Karl Friedrich Erhardt: "Das Schafvieh wird allhier im Sommer sehr fett, aber allda nicht erzogen, sondern vom Land zur Weide und zur Fettzeit wieder verkauft, doch ohne Wolle. Obst wächst außer Kirschen allhier keines, und das Gartengewächs ist Mangold und Salat."

Dem Geometer verdanken wir eine detaillierte Beschreibung der Grube am Spitzkopf: "An diesem Berg unten über den Bach ist noch ein baubares Gruben Gebäude. Ich habe es gewagt, dieses alte Gruben Gebäude selbsten zu befahren. Der Gang, der sich ist allhier vorfindet, ist ein seigerer Spathgang. Auf solchen Gang ist ohngefehr 4 Lachtern über dem bach ein Stollen mit 50 Lachtern angetrieben, so dann in der Erhöhung von 6 Lachtern sich ein seigerer Schacht befindet, der bis auf den zwei niederen Stollen herunter gehet, oberhalb aber sowie das Mundloch des Oberen Stollens Zugefallen ist."

Nach 20 Lachtern zeigt sich im unteren Stollen eine Kluft mit rotem, fettem Ton, von wo ab die Firste aufwärts bis in den oberen Stollen ausgebaut waren. "So dann gehet dieser Stollen bis unter den Schacht und von da etliche weitere Strecken, so aber durch den Schacht verfallen, auf dem Gange fort."

Das Adjektiv "seiger" (oder auch "saiger") ist ein im Bergbau und in der Geologie meist synonym für senkrecht, lotrecht oder vertikal verwendeter Begriff, der zur näheren Beschreibung der Raumlage bergbaulicher oder geologischer Gegebenheiten sowie für die Neigung (senkrecht bis waagrecht) von Stollen und Schächten benutzt wird – im vorliegenden Fall von 75 bis 90 Grad.

Spathgang kommt von Schwerspat (Baryt)

Und das bei Erhardt beschriebene "baubare Gruben Gebäude" meint das Grubengebäude oder "Berggebäude" als Gesamtheit aller unterirdischen Hohlräume der Bergwerkes. Die Maßeinheit "Lachter" entspricht heute zirka 1,80 Meter. Wobei der beschriebene "Spathgang" ein Hinweis auf eine Mineralienführung mit Baryt (Schwerspat) ist. Mit dem "Mundloch" ist der Stolleneingang, die "Tagesöffnung" des Stollens, gemeint. Sie sind heute nur noch von ortskundigen Fachleuten zu erkennen.

Zur Person: Werner Störk ist Regionalhistoriker und hat sich unter anderem mit der Erforschung der barocken Schanzanlagen, Goldvorkommen und der Minifossi-AG einen Namen gemacht. In dieser Serie beschreibt er erstmals seine neuen Forschungsergebnisse aus Neuenweg.

Zur Serie: Am Dienstag ging es zum BZ-Serienauftakt um das Thema "Wie Neuenweg zu seinem Namen kam". Weitere Teile zur Bergbaugeschichte Neuenwegs werden in Kürze folgen.
Internet: http://www.minifossi.pcom.de

Autor: bz