Windrad bedroht Kulturdenkmal

Nicolai Ernesto Kapitz

Von Nicolai Ernesto Kapitz

Do, 03. Mai 2018

Kleines Wiesental

Eine Windkraftanlage des Windparks Zeller Blauen ist dort vorgesehen, wo sich bei Neuenweg eine historische Schanze befindet.

KLEINES WIESENTAL/BÖLLEN. Zwischen Neuenweg und Böllen liegt der Hau. An dieser Passhöhe befinden sich zwei Zeugen der Militärgeschichte der Frühen Neuzeit: eine Sternschanze und gegenüber eine Viereckschanze, Redoute genannt. Was man vom Pass aus nicht sieht: Oberhalb im Wald liegt die ausgedehnteste Schanzenanlage der Region. Heimatforscher Werner Störk hat ihr den Namen Holderschanze gegeben. Dieses denkmalgeschützte Ensemble befindet sich genau dort, wo laut Planungskulisse eine Windkraftanlage des Windparks am Zeller Blauen errichtet werden soll. Werner Störk ist darüber entsetzt.

"Bei einer Angelegenheit, die so sensibel ist und auch in der Bevölkerung so emotional diskutiert wird, hätte ich eigentlich erwartet, dass man bei der Planung gründlicher ist", sagt Werner Störk. Der Heimatforscher steht auf einem der ausgedehnten Wälle, die südlich oberhalb der Passhöhe im Wald verborgen sind. Rund 200 Meter lang und noch einmal 80 Meter breit ist diese Schanze aus dem 17. Jahrhundert, die Werner Störk vor einigen Jahren erstmals begangen und analysiert hat. "Diese Anlage ist von ihrer Größe und Art her einzigartig", sagt Störk. Sie liegt genau an der Gemarkungsgrenze zwischen dem Kleinen Wiesental und Böllen, größtenteils auf Böllener Seite. Und – das hat Störk beim Blick auf die Planungskulisse des Windparks bemerkt, die in der vergangenen Woche vom Investor EWS veröffentlicht wurde – sie liegt genau dort, wo der nördlichste der insgesamt bis zu neun Windrad-Standorte geplant ist. Denn der Kamm des Höhenzuges zwischen Großem und Kleinem Wiesental liegt nicht nur für den Bau von Verteidigungsbollwerken gegen französische Truppen zu Ende des 17. Jahrhunderts günstig, sondern eben auch für die Erzeugung von Windenergie.

Die Holderschanze ist nicht das einzige Kulturdenkmal, das vom Windpark-Vorhaben betroffen sein könnte. Es gibt oberhalb von Bürchau eine weitere, allerdings kleinere Barockschanze, die – so fürchtet Werner Störk – beim Bau der Maschinenwege zu den Windkraftanlagen beschädigt oder zerstört werden könnte. Außerdem befinden sich entlang des Höhenzuges zahlreiche Grenzsteine. Denn der Bergkamm war einst die Grenze zwischen der Markgrafschaft Baden und dem Territorium Vorderösterreichs. "Es muss verhindert werden, dass diese Denkmäler für den Bau eines Windparks geopfert werden", sagt Werner Störk, der im Übrigen betont, grundsätzlich ganz und gar kein Gegner der Windkraft zu sein. Aber er ist eben ein glühender Heimathistoriker, dem die Zeugen der Geschichte sehr am Herzen liegen. Im ganzen Wiesental hat Störk Verteidigungsanlagen aus der Frühen Neuzeit entdeckt, analysiert und eingeordnet. Er kämpft für ihren Erhalt. "Bodendenkmäler haben kaum eine Lobby", sagt Störk. "Wenn hier eine mittelalterliche Burg stünde oder etwas Vergleichbares, wäre im Leben keiner auf die Idee gekommen, hier ein Windrad zu platzieren."

Das Landesamt für Denkmalpflege weiß über die Bedrohung der Schanzenanlage durch den Windpark-Bau Bescheid. "Diese Befestigungsanlagen sind Teil einer vom Hochrhein bis nach Pforzheim reichenden Befestigung, die zwischen 1680 und 1710 durch die Habsburger und den Markgrafen von Baden errichtet wurden, um Überfälle der Franzosen zu erschweren oder zu verhindern", schreibt die Behörde in einer Stellungnahme an das Landratsamt, das für die Genehmigung des Windparks zuständig ist. "Die geplanten WEA scheinen nicht direkt auf diesen Schanzen errichtet zu werden", heißt es in der Stellungnahme.

Denkmalamt erklärt kein endgültiges Tabu

"Doch ist darüber hinaus beim Ausbau der Wege zu den WEA und der Anlage von Stromleitungen unbedingt darauf zu achten, dass die Befestigungsanlagen nicht tangiert werden. Sollten aus welchen Gründen auch immer Eingriffe in die Denkmalsubstanz unvermeidbar sein, ist eine vorherige Dokumentation des Bestandes (detaillierte Vermessung, Schnitte durch Wall und Graben, Untersuchung der Flächen vor/hinter den Befestigungsanlagen) notwendig", so die Auflagen des Amtes. Ein grundsätzliches K.O.-Kriterium für den Bau der Anlage ist die Schanze allerdings nicht.

Auch bei der EWS weiß man von den Bodendenkmälern. "In die jetzige Planung sind vor allem die Themen Topografie, Abstände und Schallschutz eingeflossen", sagt Tobias Tusch, Geschäftsführer der EWS Energie GmbH auf Nachfrage. "Es sind noch ganz viele Dinge zu prüfen. Und auch das Thema Denkmalschutz muss im Verfahren nachgeprüft werden. Dann werden Bedenkenträger gehört und dann wird darüber diskutiert."

Laut Landratsamt wird die weitere Planung Mitte Mai bei einem sogenannten Scoping-Termin weiter abgestimmt, um "mit allen Trägern öffentlicher Belange (u.a. Fachbereich Umwelt) und den Kommunen" über die Standorte zu sprechen und die weitere Planung abzuklären. "Zum jetzigen Zeitpunkt stehen die Standorte noch nicht fest", heißt es in der Stellungnahme. Zur Schanzanlage lägen daher zurzeit auch keine Details vor. Ganz allgemein lasse sich sagen, dass ein denkmalgeschützter Bereich nicht per se eine Bebauung ausschließe, sondern eine "Abwägungsfrage" sei. Die Beseitigung oder Veränderung eines Kulturdenkmals bedürfe immer der Genehmigung der Denkmalschutzbehörde.

Die Einschätzung des Denkmalamts über die Lage des geplanten Windrades oberhalb des Hau-Passes teilt Werner Störk nicht. Die sogenannte Verschiebungsfläche, innerhalb der die Windkraftanlage platziert werden kann, wird laut Störk fast vollständig von der Schanze ausgefüllt. "Wenn hier der Wald gerodet und ein Fundament betoniert wird, kann man sich vorstellen, was noch von der denkmalgeschützten Schanze übrigbleibt", ärgert sich Störk. "Nämlich nichts."