"Dem kann sich keiner entziehen"

Philipp Peters

Von Philipp Peters

Sa, 28. Januar 2017

Kollektive

INTERVIEW mit Kai Borgwarth zur Automatisierung.

Dem Thema Industrie 4.0 kann sich kein Unternehmen entziehen. Der Automatisierungsexperte Kai Borgwarth erklärt im BZ-Interview, warum Industrie 4.0 die gesamte Wirtschaft betrifft.

BZ: Autos lenken sich heute selbst. Warum lesen wir nie was vom selbstfahrenden Zug?
Borgwarth: Die Branchen sind unterschiedlich innovativ. Ich persönlich hoffe auch, dass man bald etwas von selbstfahrenden Zügen hört, das über Flughäfen und U-Bahn hinausgeht.

BZ: Dabei müsste es doch leichter sein, den Zug zu automatisieren. Er fährt auf Schienen, die Haltepunkte sind klar definiert.
Borgwarth: Innovation beginnt mit dem Wollen. Die Bahnhersteller können eben nur das machen, was ihre Kunden wünschen. Und die sind deutlich konservativer als die Hersteller von Pkw, Lkw oder sogar einzelne Speditionen.

BZ: Sie beschäftigen sich mit der Prozessautomatisierung. Ein Thema für die Großen, oder?
Borgwarth: Prozessautomatisierung beginnt bei Wasserwerken, Schwimmbädern, der Getränkeindustrie und endet im Großen bei Ölplattformen und Raffinerien.
BZ: Und wie sehr beschäftigen sich die Kleinen mit dem Thema?
Borgwarth: Der Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge kann sich keiner entziehen. Allerdings sind die Teilnehmer unterschiedlich gut vorbereitet. Viele Produkte sind schon stark mit elektronischen Komponenten ausgestattet. Da ist es leicht, Schnittstellen zur Vernetzung einzurichten. Viele Unternehmen etwa sind nur gegründet worden, um Dienstleistungen in der Cloud anzubieten.

BZ: Reden wir hier nur über die Vernetzung der Produkte oder beschäftigen sich Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern auch schon intensiv damit, die Prozesse in der Herstellung zu automatisieren und zu vernetzen?
Borgwarth: Die Kleinen müssen automatisieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig brauchen sie eine höhere Flexibilität, um sich auf kleinere Losgrößen, also geringere Stückzahlen gleicher Produkte, einzustellen.

BZ: Geht das nicht zum Nachteil der Arbeitsplätze? Würde ein Unternehmen eher einen neuen Roboter kaufen statt zwei neue Jobs zu schaffen?
Borgwarth: Nein. Viele Produkte wie Autos und Smartphones können nur hergestellt werden, weil Maschinen mit der erforderlichen Genauigkeit arbeiten. Menschen können das schon lange nicht mehr. Automatisierung ist vielmehr zum Vorteil der Arbeitsplätze. Nur wird die Arbeit eben eine andere werden. Die Arbeit wird abwechslungsreicher, weniger mechanisch wiederholend. Stattdessen brauchen wir mehr Menschen im Projekt- und Prozessmanagement. Dass wir in Deutschland aktuell eine so niedrige Arbeitslosigkeit haben, ist auch ein Erfolg, den wir der Automatisierung verdanken.

BZ: Nehmen wir mal die Abstandskontrolle von Werkstücken am Fließband. Dafür brauche ich heute keinen Menschen mehr.
Borgwarth: Richtig, dafür kommen andere Jobs hinzu. Die Arbeit verändert sich und die Produktivität steigt, der Mensch profitiert durch höhere Löhne.

BZ: Das Forschungsinstitut Prognos schätzt, dass das Arbeitsangebot für niedrig qualifizierte Helfer bis 2030 um zehn Prozent sinken wird. Das sind etwa 1,8 Millionen Menschen. Was machen wir mit denen?
Borgwarth: Wir müssen in die Weiterbildung investieren. Ich hoffe, dass das verstärkt passiert.

BZ: Glauben Sie denn, dass die Antwort auf den drohenden Fachkräftemangel die Automatisierung der Wirtschaft ist?
Borgwarth: Ja, genauso wie unsere Erwartungen an die Produkte. Die Menschen wollen beim Autofahren Assistenzfunktionen haben. Sie wollen sichere Industrieanlagen und günstige Produkte. Das geht nur mit Automatisierung.

BZ: Gute Organisation kann den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen. Wird in Zukunft entscheidend sein, welchen Automatisierungsgrad ich einsetze?
Borgwarth: Das wird ein Erfolgsfaktor sein. Genauso wichtig ist die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen an die Marktentwicklung und das veränderte Kundenverhalten.

BZ: Gibt es denn Bereiche, die für Sie tabu sind? Etwa wenn ich einen Computer eingehende Bewerbungen prüfen und bewerten lasse?
Borgwarth: In der Tat gibt es solche Szenarien und Versuche. Ich glaube aber nicht, dass sie sich durchsetzen werden.

BZ: Der Mensch vertraut dem Menschen immer mehr als der Maschine?
Borgwarth: So ist es. Davon werden wir immer leben.

BZ: Ab 2020 geht die Zahl der arbeitsfähigen Menschen in Deutschland zurück. Selbst wenn man eine hohe Zuwanderung wie im vergangenen Jahr annimmt: Ist die Wirtschaft in drei bis vier Jahren so weit, dass sie mit Automatisierung darauf reagieren kann?
Borgwarth: Die Antwort fällt von Branche zu Branche sehr unterschiedlich aus. Wenn die Autohersteller keine Verbrennungsmotoren mehr bauen, werden natürlich Arbeitskräfte freigesetzt. Andere Branchen, etwa die IT, können diese Leute gut gebrauchen und werden sie gern aufnehmen. Aber branchenübergreifend ein Szenario für die nächsten zehn Jahre zu entwerfen, halte ich für unmöglich. Einer solchen Prognose würde ich nicht trauen. Dafür ist die Dynamik der Veränderungen zu schnell geworden.

BZ: Wenn die Dynamik zunimmt, müssen ja auch die Firmen immer schneller wichtige Entscheidungen treffen.
Borgwarth: Ganz genau. Das ist sicher die größte Herausforderung. Vor allem, wenn eine große Organisation auf neue Ziele umsteuern muss.