Engagement fürs Wiederhören

Anita Fertl

Von Anita Fertl

Fr, 24. Juli 2015

Kollektive

Der Förderverein Taube Kinder lernen hören tritt 20 Jahren für Gehörlose ein .

Täglich werden in Deutschland ein bis zwei taube Kinder geboren. Hier setzt die Arbeit des Implant-Centrums Freiburg (ICF) an, das der HNO-Universitätsklinik Freiburg angegliedert ist: Das ICF verfolgt das Ziel, taube Kinder möglichst früh zu behandeln, damit sie wieder hören und sprechen können. Diese Arbeit unterstützt der Förderverein Taube Kinder lernen hören, der nun sein 20-Jähriges feiert.

"Primär ging es bei der Gründung des Fördervereins darum, Unterstützung für das Implant-Centrum Freiburg zu bekommen, eine Öffentlichkeit herzustellen. Was nicht gesichert war und nach wie vor nicht gesichert ist, ist die gesamte Ausstattung des Implant-Centrums", sagt Roland Laszig, ärztlicher Direktor der HNO-Klinik. Dennoch konnte der Förderverein in der bereits zwei Jahrzehnte andauernden Arbeit Einiges erreichen. So wurde dank eingeworbener Gelder im Klinikbereich ein Klangspielplatz für Kinder eingerichtet, dessen Spiel- sachen und -geräte allesamt das Hören befördern. Ebenfalls finanziert hat der Verein zwei schallisolierte Audiometriekabinen für jeweils 250 000 Euro, die eine optimale Anpassung der Hörgeräte ermöglichen.

Die vom Förderverein zur Verfügung gestellten Drittmittel brachten das Zentrum auch im Forschungsbereich bei einseitig tauben Menschen voran – wie bei dem pakistanischen Mädchen Malala, das dank Freiburger Forschungsarbeit ein Implantat trägt. "1998 haben wir – mit Unterstützung des Fördervereins – erstmals einen Patienten behandelt, der einseitig taub war", sagt Laszig.

Aktuell unterstützt der Verein eine Anlage für virtuelle Akustik. Diese soll ermöglichen, störende, wiederkehrende Alltagsgeräusche, die den Hörgeschädigten im privaten und beruflichen Leben beeinträchtigen, am Computer zu simulieren. Zwar gibt es Programme, die das Störgeräusch unterdrücken. Dabei handle es sich allerdings nur um statistische Mittelwerte, so Laszig: "Wir können nicht mit den ganzen Geräten zum Patienten hinfahren, die Anpassung muss bei uns erfolgen. Wir holen dann das Geräusch sozusagen zu uns." Dies sei nötig, da beim Patienten vor Ort die untypischen sterilen Verhältnisse, die zur Anpassung erforderlich seien, nicht hergestellt werden könnten.

Angefangen hat das ICF mit 15 Patienten. Mittlerweile konnten mehr als 3000 Patienten aus 43 Nationen, hauptsächlich aus Baden-Württemberg und Deutschland, behandelt werden. Sie erhielten ein oder zwei Cochlearimplantate, die ihnen das Hören ermöglichen. Doch die Betreuung muss ein Leben lang erfolgen. So kommen die Patienten bis zu viermal im Jahr zur Untersuchung und Wiederanpassung. Hinzu kommen jährlich etwa 250 Hörgeschädigte, die dann weiter betreut werden. Damit zählt das ICF zu den fünf größten Implantatzentren in Europa und beschäftigt etwa 50 Mitarbeiter.

Im ICF werden in frühem Alter – idealerweise sind die Kinder höchsten zwei Jahre alt – mikrochirurgisch Elektroden in das Innenohr implantiert. Neben den Kindern zählen Erwachsene, die das Gehör verlieren, zum Klientel. "Das Wichtigste für uns ist, dass Betroffene ihr Leben nach Operation und Anpassung entsprechend ihren Begabungen und Neigungen leben können und nicht von ihrer Einschränkung dominiert werden", sagt Anschi Gillmeister. Gern zitiert sie Immanuel Kant: Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen.