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02. Februar 2011

Der Anglizismus des Jahres 2010

ANGERISSEN: Heute schon geleakt?

Noch ’ne 2010-Bilanz. Auf "Wort" und "Unwort des Jahres" folgt – der "Anglizismus des Jahres". Auf dem Siegertreppchen landete das Verb "leaken", einstimmig gekürt von einer "unabhängigen Jury um den Hamburger Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch", seines Zeichens Professor für anglistische Sprachwissenschaft. Leaken habe sich "im Laufe des letzten Jahres im Deutschen fest etabliert", heißt es in der Begründung, es bereichere unseren Wortschaft und passe gut zur deutschen Sprachstruktur.

Ach so, für all die, an denen Wikileaks & Co inhaltlich vorbeigegangen sein sollten und die auch sonst eine gewisse Distanz zum Englischen pflegen: "to leak" bedeutet so viel wie "durchlassen", "lecken", "undicht sein" aber eben auch "verraten", "enthüllen", "zuspielen". Die Sprachbegabten unter uns spüren gleich die etymologische Nähe zum deutschen "lecken" im Sinne von "ein Leck haben". Und sie spüren auch, dass alle Übersetzungs- und Eindeutschungs-Versuche einer gewissen Hilflosigkeit nicht entbehren: Wikileck, Wikienthüllung – nee, nä? Außerdem hat sich "leaken" längst, und noch vor Wikileaks, in anderem Zusammenhang ins Deutsche eingenistet, indem es die illegale Verbreitung von Musik benennt. Lassen wir also das Internet als das Parademedium für Indiskretion und Lecks ruhig großflächig leaken, schon wegen der germanliken Sprachstruktur.

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Die Sorge, dass die deutsche Sprache mehr und mehr unter den Einfluss der englischen Sprache geriete, besteht nämlich den Anglizismus-Juroren zufolge nicht. Nur 40 Vorschläge seien auf deren Nominierungsseite eingegangen, von denen die Hälfte ausgeschlossen werden musste, weil sie zu alt waren oder weil es sich um Markennamen handelte. Auf dem zweiten Platz landete übrigens "entfreunden" – vom englischen "unfriend", auf Rang drei "Whistleblower", während "App", "Scripted Reality" und "Shitstorm" auf die Folgeplätze verwiesen wurden. Wenn sich also heute jemand noch nicht als Whistleblower hervorgetan hat, könnte es etwas damit zu tun haben, dass ihm zum leaken einfach die richtige App fehlte. Or something like that.

Autor: Alexander Dick