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22. September 2016

Mehr Wirtschaftsentwicklung schwächt Boko Haram

BZ-GASTBEITRAG: Helga Dickow meint, dass militärisches Eingreifen nicht ausreicht, um die Terrormilizen zurückzudrängen.

  1. Foto: privat

In der Region des Tschadseebeckens bestimmen miteinander verwobene Krisen, Konflikte und Terrorismus den Alltag von Millionen von Menschen, bedrohen ihre Lebensgrundlagen und ihr Leben. Die humanitäre Katastrophe wird von der Weltöffentlichkeit zu wenig beachtet. Die Anrainerstaaten des Tschadsees sind der Tschad, Nigeria, Niger und Kamerun. Sie sind Mitglieder der 1964 gegründeten Lake Chad Basin Commission (LCBC). In jüngerer Zeit sind die Zentralafrikanische Republik und Libyen beigetreten. Mehrere zentralafrikanische Staaten haben Beobachterstatus.

Nach Angaben der Tschadseebeckenkommission leben 45 Millionen Menschen, von denen 20 Millionen vom See abhängig sind, überwiegend Muslime, im Tschadseebecken. Sie gehören 70 ethnischen Gruppen an. 9,2 Millionen von ihnen benötigen Überlebenshilfe, 5,2 Millionen Lebensmittelhilfe. Der Tschadsee ist von ehemals 25 000 auf 2000 Quadratkilometer geschrumpft, wofür der Klimawandel mit fehlenden Niederschlägen sowie die Wasserentnahme für die Landwirtschaft verantwortlich gemacht werden. Die Gegend versteppt, Fischerei und Landwirtschaft sind schwer beeinträchtigt.

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Der Wettbewerb um die knappe Ressource Wasser verschärft die Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehnomaden; auch gibt es Auseinandersetzungen in Grenzregionen, welchem Staat der ehemalige Seegrund zusteht. Trotz verschiedener Versuche, ein nachhaltiges Wassermanagement zu entwickeln, konnte die Austrocknung des Sees nicht gestoppt werden.

Die Probleme in der Region sind aber nicht allein in der Natur zu finden: Die Bevölkerung leidet unter Vernachlässigung durch die Regierungen; weder Infrastruktur (Schulen, Krankenhäuser, Straßen) noch die Wirtschaft erhalten ausreichende staatliche Förderung. Auch profitierte die Gegend nicht vom oft nur bescheidenen Aufschwung durch die Ölförderung in Nigeria, Tschad und Kamerun. Korruption sorgte dafür, dass die Einnahmen den jeweiligen Machteliten zugutekamen.

2002 wurde die Terrormiliz Boko Haram als islamische Erneuerungsbewegung im Norden Nigerias gegründet. Sie rekrutierte zunächst junge Männer aus dem Norden Nigerias. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Gottesstaates. Seit ihrer Gründung tötete sie mehr als 20 000 Menschen in Nigeria, 2,7 Millionen sind auf der Flucht. Die Aktivitäten Boko Harams beraubten die Bevölkerung ihrer Existenz und machten sie von Hilfe abhängig. Trotz ihrer Brutalität gelingt es der Terrormiliz, Menschen zu rekrutieren, besonders weil sie ihnen Ansehen und Unterhalt für sich und ihre Familien verspricht. Seit 2014 verbreitet die Terrormiliz durch Selbstmordattentate Terror in der Region; das militärische Eingreifen der Anrainerstaaten hat dazu geführt, dass sie ihren Radius ausgedehnt hat (nach Tschad, Niger und Kamerun). 2015 soll sich Boko Haram dem Islamischen Staat angeschlossen haben und bezeichnet sich seitdem als Islamischer Staat in der Provinz Westafrika.

Den nigerianischen Sicherheitskräften gelang es seit der Radikalisierung Boko Harams nicht, die Miliz militärisch zu schlagen. Dafür verübte sie Repressalien an Zivilisten, insbesondere an Muslimen, was zur Radikalisierung Boko Harams beitrug und sie zu einem regionalen Sicherheitsrisiko machte. Im Februar 2015 beschlossen Nigeria, Kamerun, der Tschad und Niger sowie Benin (kein Mitgliedsland der LCBC) die Errichtung einer 8700 Mann starken multinationalen Einsatzgruppe (MNJTF). Für die Nachbarländer Nigerias spielten neben der Bedrohung ihrer Bevölkerungen wirtschaftliche sowie strategische Erwägungen eine Rolle.

Bislang scheiterte eine Implementierung der MNJFT, da internationale Geber nur einen Bruchteil der benötigten 700 Millionen Dollar zur Verfügung stellten. Trotzdem befreiten Kontingente der Armeen des Tschad, Kameruns und des Nigers sowie Nigerias seit 2015 von der Terrormiliz besetzte Gebiete im Norden Nigerias und schwächten Boko Haram. Nach wie vor ist Boko Haram aber aktiv: Die Miliz führt nun Selbstmordattentate oder Angriffe auf Dörfer aus; Angst und Hunger beherrschen weite Bereiche des Tschadseebeckens. Ein gemeinsames Vorgehen innerhalb der MNJTF ist nicht erkennbar.

Trotzdem reicht ein militärisches Eingreifen alleine nicht aus. Eine geänderte Politik der Zentralregierungen, die auf Entwicklung und Förderung des Tschadseebeckens setzt, weniger Korruption sowie weniger Willkür könnten dazu beitragen, den Zulauf zu Boko Haram zu stoppen. An erster Stelle sollten aber die Not der Bevölkerung und ihre Versorgung stehen.

Autor: bz