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03. August 2011 03:19 Uhr

Wagenburg

Kommando Rhino: Gewalt eskaliert in der Nacht

Brennende Barrikaden und Gewalt – Ausschreitungen wie in der vergangenen Nacht hat Freiburg lange nicht erlebt. Vor der Räumung der Wagenburg im Vauban ist die Lage eskaliert. Am Morgen danach sind die Spuren im ganzen Stadtteil sichtbar.

Noch bevor die Wagenburg am frühen Mittwochmorgen geräumt wurde, war es in der Nacht zu schweren Ausschreitungen gekommen (Fotos). Bereits kurz nach 1 Uhr am Mittwoch bemerkten Anwohner die Unruhen. Ihren Aussagen zufolge stapelten mindestens 20 Unbekannte Holz, Gerüstteile, Absperrgitter und mobile Toiletten zu einer Barrikade auf der Merzhauser Straße unweit der Wagenburg im Freiburger Stadtteil Vauban. Die Blockade auf Höhe der Wiesentalstraße ging über die komplette Straßenbreite, versperrte auch die Schienen der Straßenbahnlinie 3. Die Vermummten errichteten zudem mehrere Barrikaden weiter südlich am Kreisverkehr im Vauban, versperrten die Zufahrt auf der Merzhauser- und der Alten Straße. Kurz darauf meldeten Anwohner, dass die Barrikaden angezündet worden seien. Mehrere Augenzeugen berichteten BZ-Reportern vor Ort vom Einsatz von Brandflaschen. Nach Angaben der Polizei wählten mehr als 50 besorgte Anwohner den Notruf.

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Die Feuerwehr war mit 30 Mann der Berufsfeuerwehr und 2 Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr Stühlinger und Unterstadt. Sie wurde gegen 1.25 Uhr zum ersten Mal alarmiert. "Allerdings griffen wir auf Anraten der Polizei zunächst nicht ein", berichtet Ralf-Jörg Hohloch von der Freiburger Feuerwehr. "Es war keine Gefahr in Verzug." Erst als die Räumung begonnen hatte, begann die Feuerwehr die Brände zu löschen.

Anders als ursprünglich berichtet, wurde weder ein Feuerwehrauto noch ein Polizeiwagen von Linksautonomen mit Molotowcocktails beworfen (siehe Anmerkung der Redaktion am Ende dieses Beitrags).

Auf dem V8-Gelände, einem Baugrundstück an der Wiesentalstraße, wurden zwei Bagger in Brand gesetzt.
Zudem legten die Vermummten in der Wiesentalstraße mehrere Krähenfüße aus – Krallen aus Metall, mit denen die Reifen durchfahrender Autos zerstört werden können. Nach Angaben der Polizei ist ein Autofahrer, der anhielt, um eine brennende Blockade beiseite zu räumen und zu löschen, von bis zu 15 vermummten Personen körperlich angegangen und verletzt worden. Sein Auto wurde ebenfalls beschädigt. Der Mann musste aufgrund seiner Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Er soll den Aussagen eines Anwohners zufolge, der anonym bleiben möchte, eine fünf Zentimeter lange Platzwunde davon getragen haben. Mitglieder des Kommandos Rhino seien dem Verletzten zur Hilfe gekommen. Zudem spannten die Chaoten an mehreren Stellen Drahtseile über die Straße, unter anderem über die Peter-Thumb-Straße. Ein Mopedfahrer konnte gerade noch abbremsen und dem gefährlichen Hindernis trotz Dunkelheit ausweichen.

Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid fand in einer ersten Stellungnahme klare Worte: "Hier sind Kriminelle am Werk, die vor Gewalt gegen Menschen und Sachen nicht zurückschrecken."Die Kriminalpolizei habe die Ermittlungen aufgenommen. Auf ein Polizeiauto wurde ein Farbei geworden. 14 Personalien wurden festgestellt, es gab keine Festnahmen. Vier Leute wurden kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Gegen einen der Demonstranten wurde Anzeige erstattet, weil er sich den Anweisungen der Polizei widersetzt hatte.

Rhino-Kollektiv distanziert sich von Gewaltaktionen

Bei den BZ-Kollegen vor Ort meldete sich ein Vertreter des Rhino-Wagenkollektivs und distanzierte sich ausdrücklich von der Aktion. Das Kollektiv wisse nicht, wer dafür verantwortlich sei. Passiver Widerstand ja, Gewalt nein – das sei weiter die Linie des Kommandos Rhino. Es seien aber vor Ort auch Vertreter anderer Gruppierungen aus der Unterstützerszene der Besetzungsaktion, auf die das Kommando keinen Einfluss habe. Zudem seien auch brennende Barrikaden eine Form von Widerstand.
Während die Rhino-Gruppe nach eigenen Angaben also nichts mit den brennenden Barrikaden zu tun hatte, errichtete sie selbst an mehreren Stellen Sperren an der Vauban-Allee – steckte diese allerdings nicht in Brand. Stattdessen verschanzte sie sich bei Eintreffen der Polizei dahinter und machte eine Sitzblockade.

Gegen 5 Uhr verbarrikadierten sich die Besetzer

Im Laufe des Morgens gab es Verhandlungen zwischen Polizei und Rhino-Vertretern. Dabei stellte die Polizei eine Forderung: Wenn das Kommando nichts mit der Eskalation zu tun habe, sollten die Besetzer Anzeige erstatten. Das lehnten sie allerdings nach einer Diskussion im Plenum ab. Gegen 5 Uhr war dann zu beobachten, wie die Besetzer ihre Wagenburg noch mehr verbarrikadierten, um es der Polizei bei der befürchteten Räumung des Areals so schwer wie möglich zu machen.

Vertreter des Runden Tischs waren vor Ort

Auch sechs Vertreter des Runden Tischs Vauban waren vor Ort. Sie hatten in den vergangenen Tagen versucht, zwischen den Besetzern und den Behörden zu vermitteln. Wie der evangelische Seelsorger Martin Auffahrt sagte, habe sich die Situation zuletzt verhärtet. Man könne der Polizei nicht vorwerfen, sie sei nicht dialogbereit gewesen. Zwei Gesprächsangebote seien von den Besetzern abgelehnt worden. Die Polizei sei von Anfang an skeptisch gewesen und habe befürchtet, dass das Ganze mit Gewalt enden könnte. Dieses Bild sei nun leider bestätigt worden.

Albert Scherr vom Runden Tisch sagte, eine Anzeige des Kommandos Rhino gegen die Vermummten sei szeneintern nicht möglich – das könne man von den Besetzern auch nicht verlangen.

OB Salomon fordert Rhino auf, sich von Gewalt zu distanzieren

"Ich bin von den Ereignissen heute Nacht erschüttert", sagte Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon. Man habe damit gerechnet, dass es Widerstand geben werde, die Rhinos hätten ja angekündigt, dies würde gewaltfrei über die Bühne gehen. "Was jetzt geschehen ist - brennende Barrikaden und über die Straße gespannte Drahtseile – das ist vorsätzliche Körperverletzung und einfach nur kriminell." Mit friedlichem Widerstand habe das nichts zu tun und sei in keiner Weise zu rechtfertigen. Salomon forderte Kommando Rhino und seine Unterstützer auf, sich klar und deutlich von der Gewalt zu distanzieren. "Um sich selbst vor Verdächtigungen zu schützen, müssen sie Anzeige erstatten, so wie es die Polizei ja auch verlangt hat." Gewalt dürfe nicht billigend in Kauf genommen werden.
Ebenfalls vor Ort war in der Nacht und in den frühen Morgenstunden der Grünen-Stadtrat Timmothy Simms. Er twitterte als einer der ersten von den brennenden Barrikaden und schaute einigermaßen fassunglos dem Treiben zu. Gegen 5.40 Uhr begann dann die Räumung.

Die Polizei hält für geschädigte Bürger, die Opfer von Sachbeschädigungen oder anderen Straftaten geworden sind, sofort folgende Telefonnummer bereit: 0761/882-4726. Es wird um sachdienliche Hinweise zur Klärung der Straftaten gebeten.

Anmerkung der Redaktion: Im Zuge der Räumung der Wagenburg haben wir am Mittwoch (3. August) berichtet, dass Linksautonome in der Merzhauser Straße Molotowcocktails auf einen Polizeiwagen geworfen haben. Diese Darstellung hat die Polizei am Mittwoch der Badischen Zeitung mehrfach bestätigt. Am heutigen Donnerstag hat die Polizei ihre Darstellung zurückgezogen. Wir haben unsere Berichterstattung in diesem Punkt korrigiert.

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Autor: Alexandra Sillgitt, Bernd Landwehr, Dominic Rock, Peter Disch und Joachim Röderer, Simone Lutz, aktualisiert um 10 Uhr