Das Ende des schulfreien Mittwochs

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Di, 26. März 2013

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Mehr Mittel für die Grundschule, mehr Lehrer, vielleicht kürzere Sommerferien – Frankreich steht vor einer großen Schulreform.

Müsste Frankreichs Bildungsminister Vincent Peillon seinem Schulsystem eine Note geben, fiele sie wohl nicht besonders gut aus. Ein hartes System sei es, auf Konkurrenz und Selektion ausgelegt, sagt Vincent Peillon. Ein System, das zu viel Misserfolg erzeuge und für viel Leid, Angst und Entmutigung bei den Kindern sorge. Das soll sich ändern. Der Sozialist Peillon, der selbst einmal Lehrer war, hat den Auftrag der Regierung, eine "Refondation de l’école" zu organisieren, eine Neugründung der Schule.

Seit Wochen nun diskutieren Politiker, Lehrer, Eltern und Schüler darüber. Immer wieder gibt es Kritik, das Ganze komme zu schnell, sei zu unausgegoren, mit den Lehrern zu wenig abgesprochen. Im Januar gingen deshalb in Paris 3000 Lehrer auf die Straße, auch am gestrigen Montag gab es wieder Streiks. Gleichwohl hat vor kurzem die Nationalversammlung bereits ersten Punkten der Reform zugestimmt.

Die Vision von Peillon: Die Schule solle nicht mehr vom Gymnasium her gedacht werden, sondern von der Grundschule. Die "école élémentaire" soll mehr Geld und Lehrer bekommen. Im Vergleich zu anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt der französische Staat 30 Prozent weniger Geld für die Grundschule aus. Dabei entscheide sich doch das schulische Schicksal der Kinder in den ersten Schuljahren, so der Minister. Deswegen soll bereits die Vorschule für die Kinder ab zwei Jahren (école maternelle) gestärkt werden – gerade in den schwierigen Vorstädten mit vielen Migrantenkindern.

Die schlechten Ergebnisse der französischen Schüler bei den Pisa-Studien wurden von Experten unter anderem auch als Folge der Stellenkürzungen im Bildungssektor interpretiert. Während der Sparpolitik von Präsident Nicolas Sarkozy war nur jeder zweite Beamte, der in den Ruhestand ging, ersetzt worden. So wurden in den vergangenen fünf Jahren 80 000 Stellen eingespart. Innerhalb der fünfjährigen Amtszeit von Präsident Francois Hollande sollen 60 000 neue Posten im Schulbereich geschaffen werden. Ob er sein Versprechen einhalten kann, hängt aber von den jährlichen Haushaltsplänen ab. Doch bereits im kommenden Schuljahr sollen allein in der Grund- und Vorschule 14 000 Stellen geschaffen werden.

Man mache die Reform vor allem, damit die Schüler mehr Zeit fürs Lernen haben, sagt Peillon. Zurzeit stünden sie zu sehr unter Druck. In der Tat kritisieren Fachleute schon lange: Französische Schüler haben zu kurze Schuljahre, aber zu lange Schultage. In den meisten EU-Staaten gehen die Kinder durchschnittlich 180 Tage im Jahr zur Schule. In Frankreich sind es nur 144 Tage – und die sind sehr vollgepackt. Vincent Peillon hat deswegen ein ganz heißes Eisen angepackt. Achteinhalb Wochen dauern die "grandes vacances" in Frankreich. Man müsse es schaffen, sich mit sechs zu begnügen. Noch ist nichts entschieden, aber er hat das Datum 2015 ins Spiel gebracht.

Sitzenbleiben soll

noch seltener werden

Entschieden ist aber bereits, dass der Schulrhythmus in der Grundschule geändert wird. Bisher haben die Grundschüler nur an vier Tagen Unterricht – mittwochs ist schulfrei. Die Reform sieht vor, dass die Schüler auch am Mittwochvormittag (eventuell in einzelnen Orten stattdessen am Samstagvormittag) in die Schule gehen. Bei den 24 Wochenstunden aber bleibt es, auch bei den Zeiten von 8.30 Uhr bis mindestens 16.30 Uhr an den anderen vier Tagen. Doch die Mittagspausen sollen länger werden, in dieser Zeit sollen die Schüler bei anderen Aktivitäten betreut werden: etwa bei Fußball, Chorsingen, Schach, Malerei, Naturkunde oder dem Umgang mit dem Computer.

Losgehen soll es damit im kommenden Schuljahr. Allerdings dürfen die Kommunen auf Wunsch erst ein Jahr später damit starten – Städte wie Straßburg oder Lyon tun dies, um sich besser darauf vorbereiten zu können. Denn die Bürgermeister schauen mit Sorge auf die teuren Folgen der Reform. Die Kommunen müssen nicht nur die Kantinen bezahlen, sondern auch die Aktivitäten in der Mittagspause.

Der neue Schulgeist, den die Regierung herbeirufen will, kann freilich nur mit guten Lehrern gelingen. Doch Frankreichs Junglehrer stehen ohne große pädagogische Ausbildung vor ihren ersten Klassen. Ab dem Schuljahr 2013 werden die Lehrer nun an Hochschulen für Lehramt und Erziehung (Écoles Supérieures du professorat et de l´éducation; Espe) ausgebildet. Diese Hochschulen ersetzen die früheren Universitätsinstitute für die Lehrerausbildung (IUFM), die im Jahr 2010 von der konservativen Vorgängerregierung abgeschafft wurden. Letztlich will die Regierung, dass moderne Informationstechnologie flächendeckend in den Klassenzimmern eingesetzt wird. Und dass das Sitzenbleiben von Schülern eine Ausnahme wird: Das koste nur viel Geld und bringe wenig.