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03. September 2016

Der Flussversteher

BUCH IN DER DISKUSSION: Der Furtwanger Andreas Fath hat im Dienst der Wissenschaft den Rhein durchschwommen.

25 Etappen, 1231 Kilometer und jede Menge Wasser zwischen dem Tomasee im schweizerischen Kanton Graubünden auf 2345 Höhenmetern und Hoek van Holland an der Nordsee. Die Idee, den Rhein von der Quelle bis zur Mündung zu durchschwimmen, hatte der Furtwanger Chemieprofessor Andreas Fath schon im Sommer 2013, als er schlecht gelaunt sich bei einem Grillfest an der Bierflasche festhielt. Die schlechte Laune hatte einen Grund: Das Stuttgarter Ministerium für Wissenschaft und Kultur hatte just an diesem Tag bereits zum zweiten Mal einen Antrag Faths zur Finanzierung eines Analysegeräts zur Kontrolle von Abwasserreinigung abschlägig beschieden. Woher also die Gelder nehmen?

Bei Fath, Jahrgang 1965 und ehemaliger Leistungsschwimmer, reifte die Idee, etwas Spektakuläres zu machen. Etwas, das für möglichst viel Medienrummel sorgt – und potente Sponsoren anlockt. Als dritter Mensch überhaupt wollte er also den Fluss, der Trinkwasserreservoir für 22 Millionen Menschen ist, schwimmend analysieren. Auf der Strecke sollten Wasserproben genommen werden, auch hat sein speziell beschichteter Schwimmanzug alle Stoffe registriert, mit denen er im Rhein in Berührung kam.

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Also ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Reisebericht, ein bisschen Erzählfluss. Nun, genau zwei Jahre nach der erfolgreich absolvierten Schwimmtour, ist mit "Rheines Wasser" das Buch dazu erschienen. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen bewussteren Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser, eine Werbung für einen effektiveren Schutz unserer Flüsse. Fath warnt: "Kriege werden in der Zukunft nicht um Öl, sondern um das lebensnotwendige H2O geführt werden." Ermüdend bei der Lektüre sind leider die Selbstbezogenheit des Autors und die langen Beschreibungen von Bratwurstduft und der Familie im Schlepptau, von Medien- und Sponsorenterminen, von kalten Zähnen und sonnenverbrannter Nase.

In Basel, wo im November 1986 ein Chemieunfall beinahe für den klinischen Tod des Gewässers gesorgt hat und wo das Flusswasser wegen der vielen Frachtschiffe heute noch nach Diesel schmeckt, stellt Fath folgendes Zeugnis aus: "Vater Rhein liegt zwar nicht mehr auf der Intensivstation, aber er ist immer noch Patient!" Vieles habe sich seit dem Unglück gebessert, meint Fath, doch man dürfe nicht nachlassen. Auf seiner Reise haben er und sein Team einiges an Schadstoffen, die von Menschen ausgeschieden und von den Kläranlagen nicht eliminiert werden können, festgestellt. Ab dem Bodensee etwa hat sich der gegen Bluthochdruck eingesetzte Betablocker Metoprolol bemerkbar gemacht, auch das Schmerzmittel Diclofenac war seitdem ständiger Begleiter. Antibiotika aus der Tierhaltung, Süßstoffe, Korrosionsschutzmittel und nicht zuletzt bedenkliche Konzentrationen von Mikroplastik sind fast im gesamten Rhein nachweisbar, ebenso hohe Konzentrationen von Kontrastmitteln aus MRT-Untersuchungen. Was das alles für Folgen haben könnte für unsere Gesundheit? Unabsehbar, sagt der Autor. Bei vielen Medikamenten sei die langfristige schädliche Wirkung auf Organismen noch nicht bekannt.

Doch Fath wäre kein Wissenschaftler, wenn er nicht auch Lösungen im Angebot hätte. Er fordert, dass wir unseren Wasserverbrauch und Kunststoffmüll reduzieren, dass wir auf Kosmetikartikel verzichten, die wie einige Zahnpasten Mikroplastikpartikel enthalten. Und er fordert eine "Start-of-the-pipe"-Lösung: Abwässer aus Industrie, Krankenhäusern und Landwirtschaft sowie fäkalienhaltiges Abwasser aus privaten Haushalten sollten schon am Ort ihrer Entstehung behandelt werden, bevor sie in den Wasserkreislauf gelangen. Die Hoffnung auf besseres Wasser hat Fath nicht aufgegeben. So sei in der Kläranlagentechnologie einiges in Bewegung. Einige Anlagen entlang des Rheins würden bereits eine so genannte vierte Behandlungsstufe einsetzen, in der mittels Aktivkohle viele Schadstoffe nun fast komplett absorbiert werden könnten.

Noch eine gute Nachricht: Das benötigte Analysegerät konnte Fath anschaffen, die Forschung im Dienst des Umwelt- und Wasserschutzes geht also weiter. Und auch die nächste Reise im Schwimmanzug ist bereits angedacht: Der Tennessee River in den USA soll Vergleichsdaten zum Rhein liefern. Fath möchte den Fluss, der ähnlich lang wie der Rhein ist, gemeinsam mit mehreren US-amerikanischen Universitäten beproben – die Suche nach Sponsoren läuft.

Autor: Dominik Bloedner