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28. Januar 2011

Leitartikel

Der Missbrauch der Macht

Sexuelle Gewalt an Kindern hat weniger mit Sexualität zu tun als mit Gewalt

Ein Jahr ist vergangen, seit Pater Klaus Mertes die systematische sexuelle Gewalt am Canisius-Kolleg öffentlich machte – ohne Rücksicht auf den Ruf der Schule, ohne Rücksicht auf das Ansehen des Jesuitenordens und der katholischen Kirche. Es war der Beginn eines Skandals, der die Kirche und die Gesellschaft erschütterte. Eliteschüler offenbarten Missbrauch an Reforminternaten, Waisenkinder brachten einen Bischof zu Fall. Eine gigantische Schleuse hatte sich geöffnet.

Kindesmissbrauch ist moralisch geächtet wie kein anderes Verbrechen. Und doch ist er bis heute nicht der traurige Einzelfall, sondern ein allgegenwärtiges soziales Phänomen. Die Täter erschleichen sich das Vertrauen des Opfers und seines Umfelds, sie verstehen es, dem Kind die Verantwortung für das Ungeheuerliche zuzuschieben: "Das ist jetzt unser großes Geheimnis." Der Missbrauch beruht auf dem Schweigen der Kinder, die überhaupt nicht in Worte fassen können, was ihnen angetan wurde. Die sich schämen. Die nicht die Erwachsenen verraten wollen, von denen sie seelisch und materiell abhängig sind.

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So unterschiedlich die Täter auch sein mögen, in einem Punkt gleicht sich die sexuelle Gewalt in katholischen Internaten, linken Reformschulen und Familien: Die Institution schützte viele Jahre die Täter und nicht die Opfer. Das Unrecht und Leid konnte noch so groß sein; Hauptsache, die Heiligkeit und Makellosigkeit der Kirche, Hauptsache, die ideologisch verbrämte "Liebe zum Kind" (die gleiche Wünsche und Interessen vorgaukelt, um die eigenen durchzusetzen), Hauptsache, das Bild von der anständigen Familie nahm keinen Schaden.

Wer sexuellen Missbrauch verhindern will, muss sich mit den Ursachen beschäftigen. Der Sachstand der Wissenschaft ist scheinbar befremdlich: Sexuelle Gewalt hat weniger mit Sexualität zu tun als mit dem Missbrauch der Macht. Ob Jesuitenkolleg, Reformschule oder Kinderzimmer – stets wird die hierarchische Stellung genutzt, um die Integrität der Kinderkörper zu verletzen.

Folgt man dieser Erkenntnis, leuchtet auch ein, was die Vertreter der Amtskirche selbst gern betonen: Die Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester oder die Zulassung von Frauen zum Priesteramt hilft im Kampf gegen sexuellen Missbrauch durch Geistliche nicht sonderlich weit. Gerade der hierarchisch und patriarchal organisierte Klerus muss sich mit dem Missbrauch der Macht beschäftigen. Diese Diskussion wird noch anstrengender sein, als die Debatte um Enthaltsamkeit und Priesterauswahl.

Es waren die mutigen Opfer sexueller Gewalt, die 2010 die unheimliche Tradition des Leugnens und Wegschauens gebrochen haben – oft um den Preis, dass ihre seelischen Wunden wieder aufgebrochen sind. Und nun? Was folgt aus dem Schrecken? Sexuellen Missbrauch gab es, gibt es und wird es geben. Gerade in Familien, immer noch der Tatort für die überwiegende Zahl von Fällen.

Und doch sind Kinder heute selbstbewusster als in den 60er, 70er Jahren. Es gibt zumindest in Ansätzen so etwas wie eine Kultur der Aufmerksamkeit beim Thema sexuelle Gewalt. Ein institutionalisiertes Kartell des Schweigens, das Täter deckt, ist nur noch schwer vorstellbar. Das Thema Missbrauch in der Familie allerdings wurde überhaupt noch nicht in den Blick genommen – weil die Vorstellung zu schmerzhaft ist?

Härtere Strafen, längere Verjährungsfristen, mehr Prävention, viel ist in den vergangenen zwölf Monaten diskutiert worden. Beschlossen wurde wenig, die Politik scheint das Interesse an dem Thema verloren zu haben. Die Beratungsstellen kämpfen weiter um die Existenz, Betroffene müssen lange auf einen Therapieplatz warten. Das Thema sexuelle Gewalt ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber leider nicht aus dem Leben.

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Autor: Petra Kistler