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27. September 2017

Ein Plädoyer für das Prinzip "Nutzen statt Besitzen"

BUCH IN DER DISKUSSION: Der Zukunftsforscher Stephan Rammler will der Autonation Deutschland den Weg weg vom Erdöl weisen.

  1. Buchcover Stephan Rammler „Volk ohne Wagen“ Foto: bz

Ein Alltagsphänomen zeigt die Absurdität unserer Stadtplanung und Verkehrskultur: Eltern bringen ihr Kind mit dem Auto zur Schule – und begründen dies damit, man könne Kinder aufgrund des vielen Autoverkehrs ja unmöglich zu Fuß gehen lassen. So generiert Verkehr wiederum Verkehr. "Aber ich warne Sie", schreibt Stephan Rammler, "legen Sie sich niemals mit Müttern auf dem Weg zur Schule an, auch nicht, wenn Ihr eigenes Kind beinahe unter die Räder gekommen wäre. Sie werden nicht auf Einsicht hoffen können." Trotz dieses eher pessimistischen Details legt der Mobilitätsforscher und Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig eine gar nicht so hoffnungslose Analyse der Mobilität der Zukunft vor. Er glaubt an ein Verkehrssystem, das klüger und ökologischer ist als das heutige, und das rücke näher: "Wir erleben gerade den Anfang vom Ende der Automobilität, wie wir sie bislang kennen". Dieser Satz ist für Rammler so zentral, dass er damit sein Buch beginnt.

Künftig werde man die "etablierten Leitbilder der Automobilnutzung" – das ist der Pkw im Privatbesitz mit fossil angetriebenen Verbrennungsmotor – als "ineffizient, betriebs- und volkswirtschaftlich unrentabel, riskant und illusionär" betrachten. Stattdessen werde Mobilität zunehmend nach dem Prinzip "Nutzen statt Besitzen" organisiert, also auf Basis von Leih- und Mitfahrsystemen an Stelle von Privatautos. Die heutige Praxis sei extrem ineffizient, weil ein Auto im Schnitt 23 Stunden am Tag nutzlos herumstehe. Durch klugen Einsatz der Fahrzeuge käme man daher mit deutlich weniger Pkw aus und hätte viel mehr Platz in den Städten. Die Fahrzeuge würden elektrisch angetrieben und digital vernetzt sein.

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Würde das Auto in seiner heutigen Form jetzt erst auf den Markt kommen, hätte es nach Rammlers Überzeugung keine Chance eine Technikfolgenabschätzung zu überstehen: zu groß die Gefahren der Emissionen, untragbar das Unfallrisiko, inakzeptabel die Folgen für die Geopolitik aufgrund der Erdölabhängigkeit. So findet der Autor auch eine Verbindung zur Flüchtlingskrise: "Der schleunige Ausstieg aus der Ökonomie des Erdöls und der Sicherung des Zugangs zu den Quellen und der Transportwege ist die Minimalbedingung für eine Chance auf Frieden im Nahen und Mittleren Osten." Verkehrswende als Friedensprojekt.

Insgesamt changiert Rammler zwischen Hoffnung und Realismus. Er weiß, dass es nicht leicht ist, von alten Strukturen wegzukommen, weil die Lobby des Bestehenden in der Regel stärker ist als die (erst entstehende) Lobby des Neuen. Aber er setzt auf eine Politik, die den Weg von der lange Zeit propagierten autogerechten zur menschengerechten Stadt weisen müsse. Etwa durch die konsequente Orientierung am Verursacherprinzip: Nutzer öffentlicher Pkw-Parkplätze bezahlten heute im Mittel 23 Prozent der anfallenden Kosten, den Rest trage die Allgemeinheit. Auch für ein Abschmelzen der Steuervorteile für Dieselkraftstoff tritt der Autor ein.

An manchen Stellen ist das Buch etwas langatmig, an anderen Stellen aufgrund akademischer Formulierungen schwerfällig. Dann aber wird der Autor auch wieder wohltuend kämpferisch. Er findet es "peinlich", dass in unserem "in aller Welt bewunderten Hochtechnologieland" noch "Geräte mit so absurd schmutzigen Motoren" fahren. Die bisherige Automobilkultur sei "eine Beleidigung für unsere technologische und ökonomische Vernunft", weshalb kurz- und mittelfristig in der Branche eine "weltweite und dynamische Marktbereinigung zu erwarten" sei.

Es hätte noch viele Themen gegeben – etwa die Stadt der kurzen Wege, die Verkehr gar nicht erst entstehen lässt, weil Wohnen, Arbeiten und Einkaufen zusammenrücken. Oder ein globalisierungskritischer Ansatz mit Rückbesinnung auf regionale Wirtschaftskreisläufe, wodurch Güterverkehr vermindert wird. Doch Rammler setzt seine Schwerpunkte auf die Themen Antriebstechnik – weg vom Erdöl – , Eigentumsstruktur und Digitalisierung. Er verschweigt dabei nicht, dass der Weg lang ist. Weltweit werden heute 60 Prozent des Erdöls für den Transport verbraucht, Tendenz weiter steigend.

Auch in Deutschland hat der Spritverbrauch in den letzten Jahren weiter zugenommen. Gleichwohl sucht Rammler die positive Vision: "Wäre es nicht ein wunderbarer Zirkelschluss der Technik- und Kulturgeschichte, wenn das Geburtsland des Automobils knapp ein Jahrhundert später auch der Ort der Neuerfindung des Automobils sein würde?"

Autor: Bernward Janzing