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22. Mai 2015

Ermordet im Kampf gegen Armut und Ausbeutung

IM PROFIL: Erzbischof Oscar Romero, als Theologe der Befreiung 1980 in San Salvador erschossen, wird selig gesprochen.

  1. Oscar Romero im Jahr 1979 Foto: dpa

Der Auftragskiller der Todesschwadronen zielt am 24. März 1980 ausgerechnet in einer der göttlichen Vorsehung geweihten Krankenhauskapelle auf den Mann am Altar. Sekunden später sinkt Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador, tödlich getroffen zu Boden. Tags zuvor hat der 62-jährige Theologe den Militärs einmal mehr die Repression in El Salvador angelastet – sein Todesurteil.

Romeros Überzeugung war es gewesen, dass die Kirche inmitten von Not, Unterdrückung, Korruption, Wahlfälschung, Armut und Ausbeutung, also "angesichts eines solchen Elends", nicht schweigen dürfe. Weil sie sonst das Evangelium verriete und zur Komplizin derer würde, "die hier die Menschenrechte mit Füßen treten". Bei seinem Begräbnis geben eine Million Menschen dem Erzbischof das letzte Geleit.

Oscar Romero, Sohn einer kinderreichen Familie, hatte Theologie in San Salvador und an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom studiert. Dort wird er 1942 zum Priester geweiht, doch seine Doktorarbeit bleibt unvollendet. Nach seiner Rückkehr wirkt er als Pfarrer und Redakteur, macht Karriere als Generalsekretär der Bischofskonferenz.

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Mit 40 Jahren wird Romero Weih- und schon mit 47 Jahren Erzbischof. Freilich zum Unmut jener Priester, die in El Salvador, dem nominell christlichen, dicht besiedelten und von Bandenkriminalität gepeinigten zweitkleinsten Land Lateinamerikas, im pastoralen Alltag brutales Elend erleben. Sie sehen den als konservativ und weltabgewandt wirkenden Romero nicht auf ihrer Seite im Kampf gegen Unrecht und Ausgrenzung.

Radikal umzudenken beginnt der Seelsorger erst nach einem Massaker der Militärs an Demonstranten. Und als auch sein Freund Rutilio Grande, Jesuitenpater und Befreiungstheologe, erschossen wird. Mitbrüder bezeugen, Romero habe dennoch jede Art von Gewalt abgelehnt. Hunderttausende hören im kirchlichen Radioprogramm seine Predigten und Ansprachen. Auch seine Hirtenbriefe im Klartext machen ihn den Machthabern und Oligarchen gefährlich.

Oscar Romero verschließt die Augen aber auch nicht vor der historischen Schuld seiner Kirche: "Wir waren jahrelang dafür verantwortlich, dass viele Menschen die Kirche als Verbündete der Mächtigen in Wirtschaft und Politik gesehen haben. Sie hat dazu beigetragen, dass diese Unrechtsgesellschaft entstehen konnte, in der wir leben." Mehrfach wird Romero für den Friedensnobelpreis nominiert. Weil er – so der Untertitel eines neuen Buches – "vom Handlanger der Macht zum Anwalt der Armen" und so zum Befreiungstheologen geworden ist.

Nach Romeros Tod initiiert Papst Johannes Paul II. zwar 1994 den Seligsprechungsprozess, doch friert Kardinal Ratzinger ihn schon 1997 wieder ein. Und nimmt das Verfahren erst im Dezember 2012 wieder auf – nun als Papst Benedikt XVI., aber nur acht Wochen vor seinem Rücktritt. Der Pole wie der Deutsche lehnten die "Theologie der Befreiung" ab. Sie fürchteten wohl, diese zu protegieren, wenn sie einen namhaften Theologen der Bewegung selig sprächen. Obschon er selbst der "Theologie des Volkes" zuneigt, schließt Papst Franziskus das Verfahren rasch ab, korrigiert so das Zögern seiner Vorgänger und rehabilitiert damit auch die Theologie der Befreiung. Denn auch seine Teología del pueblo sieht die Kirche solidarisch an der Seite der Armen.

Oscar Romero, den in Lateinamerika viele längst als Heiligen verehren, wird im Auftrag des Papstes am morgigen Samstag in San Salvador vom italienischen Kurienkardinal Angelo Amato selig gesprochen. Der Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen könnte am Sarkophag in der Kathedrale Erzbischof Dom Helder Camara (1909-1999) zitieren, den vom Vatikan ebenfalls beargwöhnten brasilianischen Befreiungstheologen. Denn dessen von Bitterkeit geprägte Sentenz beschreibt exakt auch Romeros Erfahrung: "Wenn ich den Armen etwas zu essen bringe, bin ich ein Heiliger. Wenn ich den Armen aber erkläre, weshalb sie nichts zu essen haben, bin ich ein Kommunist."

Buchtipp: Nicht schweigen. Kommentierte Texte aus Briefen von Erzbischof Oscar Romero und ein Porträt von seinem früheren Privatsekretär Jesús Delgado. Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2015, 176 S., 18 Euro.

Autor: Gerhard Kiefer