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26. Februar 2011

Falsche Triebkräfte

BZ-GASTBEITRAG: Wolfgang Kessler meint, die Gewerkschaften seien nicht im Heute angekommen, weil sie auf mehr Konsum setzen.

Die Gewerkschaften machen für deutlich höhere Löhne mobil – in Deutschland und in ganz Europa. Mit einer Lohnforderung von sieben Prozent geht die IG-Bergbau Chemie Energie in die Tarifrunde 2011. Andere Gewerkschaften werden folgen. Und sie erhalten Unterstützung vom Europäischen Gewerkschaftsbund. Dessen Generalsekretär John Monks forderte "deutlich mehr Massenkonsum" in Deutschland. Nur dann hätten Produkte aus europäischen Krisenländern wie Griechenland, Spanien, Irland oder auch Großbritannien mehr Chancen auf dem deutschen Markt. Angesichts der hohen Gewinne vieler Unternehmen sind solche Töne verständlich. Gleichzeitig entlarvt die Fixierung auf höhere Lohnprozente zur Ankurbelung des Konsums die Gewerkschaften als Organisationen, die im 21. Jahrhundert noch nicht so ganz angekommen sind.

Richtig ist, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen im vergangenen Jahrzehnt stark abgenommen hat, während sich Unternehmer und Vermögende immer höhere Anteile aus dem Wirtschaftskuchen schneiden. Dennoch gehen prozentuale Lohnforderungen zur Steigerung des Konsums an der sozialen Entwicklung ebenso vorbei wie an den ökologischen Herausforderungen. Sozial öffnet sich hierzulande auch unter den Arbeitnehmern eine Schere: Eine wachsende Schicht prekär Beschäftigter und schlecht bezahlter Arbeitskräfte steht gut bezahlten Fachkräften gegenüber. Wenn die Löhne um einige Prozent erhöht werden, dann nutzt dies vor allem den Besserverdienenden unter den Arbeitnehmern. Ein Viertel der Beschäftigten wird dann weiter von der sozialen Entwicklung abgehängt.

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Dazu zählen mehr als sieben Millionen Beschäftigte, die weniger als 7,50 Euro pro Stunde verdienen – und oft völlig ungesichert arbeiten. Und dazu zählen auch die Hälfte aller Arbeitnehmer unter 30 Jahren, die nur befristete Verträge haben, Leiharbeiter oder schlecht bezahlte Arbeitskräfte im sozialen Dienstleistungssektor. Wollen die Gewerkschaften die Lebensbedingungen dieser Menschen verbessern, dann braucht es mehr als Lohnprozente: verbindliche und existenzsichernde Mindestlöhne, tariflichen Schutz, unbefristete Arbeitsverträge und Lohnerhöhungen in Form von Festbeträgen.

Prozentuale Lohnerhöhungen helfen vor allem den heute schon gut bezahlten Angestellten. Doch viele von ihnen beklagen nicht zu wenig Lohn, sondern zu viel Druck am Arbeitsplatz. Ihre knappe Ressource ist Zeit, nicht Geld. Sie leiden unter der wachsenden Verdichtung und Beschleunigung in vielen Arbeitsbereichen – und nicht zuletzt auch daran, dass Handys und E-Mails eine Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit ermöglichen, die manche Vorgesetzte auch gerne in Anspruch nehmen. Auf diesen Druck führen die Krankenkassen die zunehmenden psychischen Erkrankungen von Arbeitnehmern zurück.

Lohnerhöhungen treiben die Produktivitätsspirale eher weiter an, der Druck wächst. Stattdessen gilt es, neue Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, die Zeiten zu begrenzen, in denen Arbeitnehmer per Mobiltelefon oder per E-Mail verfügbar sein müssen. Notwendig sind Schritte, die Arbeit zu entschleunigen, Erholungsphasen einzuplanen, Auszeiten zu ermöglichen – während des Tages, in der Woche, in Sabbatjahren.

Mehr Konsum durch höhere Einkommen ist eine richtige Forderung für jene, die sich ein würdiges Leben nicht leisten können. Gewerkschafter, die pauschal mehr Massenkonsum fordern, ignorieren, dass viele Beschäftigte mehr wollen im Leben als mehr Geld. Sie ignorieren aber auch, dass mehr Massenkonsum in reichen Ländern längst mehr schadet als nützt. Wer kann denn in Zeiten knapper Ressourcen wirklich wünschen, dass immer noch mehr Autos, Kühlschränke, Bildschirme, PCs und Fernreisen gekauft werden? Schon heute verbrauchen die Deutschen – wie die meisten Bewohner der Industrieländer – mit ihrem Wirtschafts- und Lebensstil viel mehr Ressourcen als dies im Weltmaßstab zu verantworten ist. Noch mehr Massenkonsum kann deshalb leicht zulasten der künftigen Lebensqualität gehen.

Sollten die Arbeitnehmervertretungen also auf harte Forderungen in der Tarifrunde verzichten? Die Antwort: Nein. Aber die Gewerkschaften müssen sich entscheiden, ob sie sich nur als Triebkräfte des kurzfristigen Wachstumsdenkens betätigen wollen oder ob sie die Lebensqualität der Beschäftigten schon heute so verbessern, dass auch künftige Generationen noch eine gute Lebensqualität genießen können.

– Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum.

Autor: kess