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08. April 2015 15:06 Uhr

Leitartikel

Germanwings-Absturz: Depressionen sind heilbar

149 Menschen riss der Germanwings-Pilot mit sich in den Tod. Andreas L. war depressiv. Die Lufthansa vertraute ihm trotzdem das Schicksal ihrer Passagiere an. Ein unverantwortlicher Fehler? Nein.

So etwas kann nicht das Werk eines gesunden Geistes gewesen sein: ein Flugzeug mit mörderischer Absicht in einen Berg gerammt, 149 Menschen umgebracht, die Eltern als Angehörige eines Massenmörders gebrandmarkt – die Tat, die Andreas L. begangen haben soll, ist monströs in jedem Sinn dieses Wortes. Aber hätte man sie auch verhindern können? Ja, meinen manche, die nun der Lufthansa vorwerfen, nicht richtig aufgepasst zu haben. Schließlich sei vorher schon bekannt gewesen, dass es dem 27-Jährigen genau daran gefehlt habe: an einem gesunden Geist.

So wie sich die Sache momentan darstellt, war der Copilot des Fluges 4U9525 schon seit Jahren wegen Depressionen in Behandlung. Auch seine Gedanken an einen Suizid sollen zumindest einigen Ärzten und auch der Fluggesellschaft nicht neu gewesen sein. Die Lufthansa vertraute ihm trotzdem das Schicksal ihrer Passagiere an. Ein unverantwortlicher Fehler? Nein.

Ein Berufsverbot ist unklug – und medizinisch nicht zu rechtfertigen

Einem Piloten wegen seiner psychischen Probleme mit der Verbannung aus dem Cockpit zu drohen, ist eine Maßnahme, mit der man niemandem einen Gefallen tut. Das hat nicht nur die US-amerikanische Flugaufsicht lernen müssen. In den Vereinigten Staaten dürfen inzwischen auch therapierte depressive Piloten ihren Beruf ausüben. Denn man musste feststellen, dass diese ihre Krankheit andernfalls heimlich behandeln lassen – wenn sie sie überhaupt behandeln lassen. Medizinisch lässt sich ein solches Berufsverbot erst recht nicht begründen: Weil man heute weiß, dass sich nicht nur ein kränkelnder Körper, sondern auch eine angeschlagene Seele wieder erholen kann.

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Die Statistik gibt ohnehin wenig Argumente dafür her, jemanden mit einer Depressionsepisode in der Krankengeschichte als potenziellen Massenmörder nicht mehr ans Steuer zu lassen. Im Gegensatz zu Raubüberfällen oder Autounfällen mit Todesfolge ist ein Suizid, bei dem andere mit in den Tod gerissen werden, ein extrem seltenes Ereignis: Einer von einer Million Menschen fällt einer derartigen Tat im Schnitt zum Opfer – in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle hat dabei ein enger Angehöriger die Hand im Spiel. Jeder fünfte Deutsche erkrankt dagegen im Laufe seines Lebens an einer Depression – ein Massenmörder steckt deshalb weder in unserem Nachbarn, noch in uns selbst.

Die menschliche Psyche ist nicht einfach gestrickt

Auch Schizophrene oder Wahnpatienten kann man kaum als Gefahr für die Gesellschaft bezeichnen: Dass ein psychisch Kranker über einen Menschen herfällt, wie das Wolfgang Schäuble oder Oskar Lafontaine widerfuhr, ist eine absolute Rarität – geschätzte fünf Deutsche sterben jedes Jahr auf diese Weise. "Normalen" Mördern fallen siebenmal mehr Menschen zum Opfer als psychisch Kranken. Kann man angesichts solcher Quoten einem Patienten mit realistischen Heilungsaussichten wirklich guten Gewissens das Grundrecht der freien Berufswahl verweigern? Und welche Rechte möchte man ihm eigentlich noch absprechen? Wenn ein Großteil der Suizide auf Straßen stattfindet, wäre dann nicht auch ein Entzug des Führerscheins angebracht?

Es mag zwar beruhigend sein, die Tat des Andreas L. als das Werk eines Andersartigen, eines Geisteskranken abzutun. Schließlich ermöglicht dies die verlockende Vision, ein solches Verbrechen sei in Zukunft zu verhindern. Wenn man nur gründlich genug untersucht und konsequent genug Pilotenscheine entzieht. Nur: So einfach ist die menschliche Psyche leider nicht gestrickt. Selbst vor den Augen eines geschulten Experten lassen sich die dunkelsten Abgründe verstecken, die Vorhersage-Raten bei Suiziden liegen knapp über der Zufallsquote. Die Realität ist: Vor einem unberechenbaren Wesen wie dem Menschen kann es keine absolute Sicherheit geben. Wer sie trotzdem fordert, sollte sich gut überlegen, ob sie ihren hohen Preis auch wert ist.

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Autor: Michael Brendler