Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. November 2010

Leitartikel

Islamfurcht in Europa: Alte Feindbilder

Die Islamisten waren erfolgreich: Der Westen hat ihre Islamsicht übernommen

Es ist erstaunlich: Die Gotteshäuser in Deutschland werden immer leerer, Kirchenaustritte mehren sich. Wenn aber die Rede auf Muslime sowie den Bau von Moscheen und Minaretten hierzulande kommt, sind plötzlich Sätze zu hören wie: "Die sollen sich hier anpassen. Immerhin leben sie in einem christlichen Land." Wie bitte? Soll mit einem Mal in Deutschland die Religionsfreiheit nicht mehr gelten, die Europa im Zuge der Aufklärung errungen hat und die zu den Fundamenten der Bundesrepublik gehört?

Bohrt man nach, relativieren die meisten solche Sätze: Nein, so habe man das nicht gemeint. Diese unüberlegten Äußerungen sind sicherlich dem aggressiven Auftreten islamistischer Fundamentalisten geschuldet, die Andersgläubige verfolgen, Frauen unterdrücken – und dies alles mit dem Islam begründen. Vor diesem Hintergrund heben sich christliche Werte wie Nächstenliebe, Vergebung und Versöhnung, die das Miteinander erleichtern, positiv ab. An ihnen will man verständlicherweise festhalten. Darüber wird gerne vergessen, dass auch im Namen des Christentums viel Unrecht geschah – trotz aller christlichen Werte. Man denke nur an die Rückeroberung Spaniens. Im Zuge der Rechristianisierung, die 1492 abgeschlossen war, wurden Juden und Muslime zum Religionswechsel gezwungen, ermordet und vertrieben.

Werbung


Ein Blick in die Geschichte liefert eine weitere Erklärung, warum viele Europäer empfindlich auf Muslime reagieren. Die islamische und die christliche Kultur standen sich über Jahrhunderte als Konkurrenten gegenüber. Nach dem Tod des Propheten Mohammed 632 breitete sich der Islam schnell auch auf christlichem Gebiet aus. Anders als man es gerne im Westen darstellt, ging diese Eroberung nicht nur mit Gewalt vonstatten. Die Muslime gewannen die Menschen auch mit Vergünstigungen. Unter den Muslimen waren die Steuern selbst für Christen niedriger als im byzantinischen Reich. Natürlich gab es aber auch immer wieder gewaltsame Konflikte: So standen die Türken vor Wien. Ins kollektive Gedächtnis Westeuropas scheinen sich diese Ereignisse tief eingegraben zu haben. Wohl auch deshalb fallen viele in alte Reflexe zurück, sobald über den Islam in Europa debattiert wird.

Vergessen wird dabei gerne, dass sich beide Kulturen auch befruchteten. Der arabische Philosoph Ibn Ruschd (1126 bis 1198) etwa, in Europa als Averroës bekannt, setzte sich mit der Philosophie Aristoteles’ auseinander. Über Ibn Ruschd wurde der griechische Philosoph wieder in Europa bekannt, wo er in Vergessenheit geraten war. Das Beispiel des Ibn Ruschd zeigt auch, dass der Islam nicht statisch, sondern entwicklungsfähig ist. Bis heute beziehen sich arabische Denker, die Offenbarung und Rationalität in Einklang bringen wollen, auf ihn. Doch leider dominiert heute die Islamsicht fundamentalistischer Eiferer, die keine modernen Interpretationen der Schriften zulassen wollen – auch weil sie sich durch eine Rückkehr zu einem Urislam ein Widererstarken gegenüber dem Westen erhoffen.

Die Islamisten waren mit ihrer Propaganda so erfolgreich, dass selbst die westliche Welt ihr Islambild übernommen hat. Wie sie behaupten viele Europäer, der Islam kenne keine Trennung von Staat und Religion. Doch zeitgenössische arabische Philosophen legen dar, dass sehr wohl eine solche Trennung vollzogen wurde, wenn auch nicht so klar wie im Christentum. Ihre Stimmen werden jedoch gerne überhört, weil die alten Feindbilder im Westen eine differenzierte Sicht auf den Islam verhindern. Es wäre an der Zeit, sie zu überwinden und das Gespräch mit jenen Muslimen zu suchen, die an einer Auseinandersetzung mit ihrer Religion interessiert sind. Islamkonferenzen, theologische Ausbildung von islamischen Religionslehrern in Deutschland und diverse Integrationsgipfel sind ein guter Anfang dafür.

Autor: Annemarie Rösch