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09. Dezember 2015

Gastbeitrag

Klimaschutz: Paris redet, Freiburg handelt

Rolf Disch gilt als Pionier der Solararchitektur. In seinem BZ-Gastbeitrag plädiert er dafür, in den Gemeinden das Soziale und den Klimaschutz zusammenzubringen

  1. Foto: Ralf H. Dorweiler

Und wieder tagen sie. Dieses Mal in Paris. Regierungschefs, Klimaforscher und Aktivisten versuchen, sich auf der Klimakonferenz zu verständigen. Worüber? Wie man schnell zu einer weltweiten Vollversorgung durch erneuerbare Energien kommt? Nein. Wie man den an Wahnsinn grenzenden Konsum und Ressourcenverbrauch eindämmt? Nein. Hermann Scheer, Erfinder des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, nannte das Dilemma dieser Konferenzen "organisierten Minimalismus": Einigen kann man sich in Paris, wenn überhaupt, nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und das wird nicht genügen.

Andere Akteure müssen die Speerspitze bilden. Die Bundesregierung betreibt die Energiewende mit Rücksicht auf die Kohle nach dem Motto "Je langsamer, desto nachhaltiger", während bei in der Branche der erneuerbaren Energien bereits 70 000 Arbeitsplätze verlorengegangen sind – viele in Freiburg und in der Region. Dennoch wächst der Anteil an regenerativem Strom unaufhaltsam. Das wird regional und kommunal organisiert, bürgerfinanziert und mittelständisch umgesetzt. Man sieht: Die Speerspitze, das sind Städte, Gemeinden, Regionen und ihre Bürger.

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Dabei müssen wir die großen Herausforderungen als lokale Chancen für die Energiewende begreifen, anstatt soziale Aspekte gegen nachhaltige Entwicklung auszuspielen. Die Herausforderung lautet heute: Die Stadtbevölkerung wächst, die Immobilienpreise und Mieten steigen, neue Stadtteile sind angedacht, es muss bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden, auch für Flüchtlinge. Nun werden Rufe laut, die energetischen Standards herunterzusetzen. Doch das Gegenteil ist nötig: nicht beim Erreichten stehenzubleiben, sondern die Fortschritte der vergangenen Jahre zu nutzen.

Alle neuen Stadt- und Ortsteile sollen Plusenergie-Quartiere werden, die mehr (saubere) Energie erzeugen, als sie verbrauchen, mit intelligent gesteuerten und verknüpften Netzen für Strom und Wärme, entlastet durch Speichertechnologien. Die Energie für Wohnen und Mobilität kommt von der Sonne. Ein neues Quartier in Freiburg selbst kann fast komplett autofrei bleiben. Es gibt ein multimodales, elektromobiles und kommunikationstechnisch vernetztes Verkehrssystem mit Vorrang für Fußgänger, Zweiräder und ÖPNV. Elektroautos und -fahrräder sowie andere umweltverträgliche Fahrzeuge stehen allen Bewohnern zur Verfügung. Tiefgaragenplätze, die im Verhältnis gerade die kleinen Wohnungen mehr als ein Viertel verteuern, entfallen, ebenso die Kosten für das eigene Auto (laut ADAC für einen Mittelklassewagen etwa 575 pro Monat).

Bei Mobilität und laufenden Energiekosten sind also enorme Einsparungen möglich. Bei Erfüllung aller – richtigen und wichtigen – Anforderungen an Wärme-, Schall- und Brandschutz lassen sich die Erstellungskosten pro Quadratmeter hingegen nicht allzu sehr nach unten drücken. Hier lohnt es sich, über kleinere, den Bedürfnissen anpassbare Wohnungen nachzudenken. Gerade der akute Wohnungsbedarf für Flüchtlinge ist eine Chance: Die Grundstücke sind rar und teuer, also müssen wir dichter bauen. Die Wohneinheiten sind klein, dennoch sollen sie alle Bedürfnisse erfüllen und wohnlich sein. Es muss eine Balance zwischen privaten und gemeinschaftlich genutzten Räumen geben. Und die Konzepte müssen so flexibel sein, dass eine spätere Umnutzung möglich ist.

Wir lernen hier alles, was wir über "Suffizienz" wissen müssen, über das, was "genügt", um die wirklichen Bedürfnisse zu erfüllen. All das brauchen wir für den Wohnungsbau insgesamt, bei immer mehr Bedarf an Single-Wohnungen, bei gleichzeitig mehr Bedarf an Gemeinschaftlichkeit zwischen all den Singles und bei zunehmendem Bedarf an bezahlbarem Wohnen.

Und zurück zur Effizienz und den erneuerbaren Energien: Das Quartier ohne Auspuff und Schornstein, es schont nicht nur Umwelt und Klima. Sondern es entsteht ein hochwertiger Lebensraum, eine zusammenhängende kommunikative Freianlage. Mit mehr Grün, weniger Gefahr für spielende Kinder, weniger Lärm, ohne schädliche Emissionen, weniger Flächenverbrauch für Verkehr – und dadurch geringeren Grundstücks- und Erschließungskosten. Eine ganz andere Lebensqualität wird erreicht – so wie es in den Städten war, bis sie vor dem Auto kapitulierten. Wenn wir so in unseren Gemeinden das Soziale und den Klimaschutz zusammenbringen – wer redet dann noch von Paris?

Autor: Rolf Disch