Krankheiten werden nicht eingeschleppt

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Sa, 10. Oktober 2015

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Die NPD warnt vor Ansteckung durch Flüchtlinge – das Robert-Koch-Institut sieht keinen Anlass dazu.

BERLIN. Die rechtsradikale NPD schürt Ängste, Flüchtlinge würden Krankheiten nach Deutschland einschleppen. Sie behauptet auf ihrer Internetseite, das Robert-Koch-Institut (RKI) schildere mit Blick auf mögliche Gefahren durch die Kinderlähmung ein "düsteres Zukunftsszenario". Das allerdings tut das RKI keineswegs. Es nennt vielmehr in einem Bulletin vom 21. September Krankheiten, an denen Flüchtlinge leiden könnten, und kommt zu dem Schluss, dass eine Ausbreitung sehr unwahrscheinlich sei.

Die meisten Asylbewerber kommen derzeit vom Balkan, aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Nigeria und dem Irak. Dort gibt es Infektionsleiden, die in Deutschland ungewöhnlich sind. Dazu zählen Malaria, Typhus, Tetanus und verschiedene Formen der Hirnhautentzündung. Malaria ist nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Typhus kann über fäkal kontaminierte Lebensmittel übertragen werden. "Umso wichtiger", sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher, "ist es, strikt auf Küchen- und Händehygiene zu achten." Diese Empfehlung gilt auch mit Blick auf Kinderlähmung (Polio), die durch Schmierinfektion übertragen werden kann – also wenn nach einem Stuhlgang das Händewaschen unterbleibt.

Deutschland ist seit Jahren poliofrei. In Syrien gab es nach Glasmachers Angaben 2013 einige Fälle. Das RKI hatte deshalb empfohlen, Stuhlproben von einreisenden syrischen Kindern zu untersuchen. Die Auflage gibt es nicht mehr, da seither in Syrien keine neuen Erkrankungen auftraten. In Afghanistan und Pakistan gab es zwar anhaltend Krankheitsfälle. Nach Glasmachers Angaben handelt es sich jedoch um wenige – im laufenden Jahr sind es bisher 12 in Afghanistan und 32 in Pakistan. Das RKI hält es für unwahrscheinlich, dass eine Gefahr für Deutschland entsteht: "Die Polio-Impfung", so Glasmacher, "ist in Deutschland seit langem weit verbreitet und bietet verlässlichen Schutz".

Was Tuberkulose (TB) anbelangt, rät das RKI zu erhöhter Aufmerksamkeit. In vielen Herkunftsländern tritt TB häufiger auf als in Deutschland. Das Infektionsschutzgesetz schreibt vor, dass Flüchtlinge geröntgt werden, um zu erkennen, ob Lungen-TB vorliegt. Liegt kein Impfpass vor, rät das RKI auch zu Impfungen gegen Masern, Wundstarrkrampf (Tetanus) oder Meningitis (Hirnhautentzündung).

Glasmacher sieht keinerlei Anlass, wegen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Gonorrhoe Horrorgeschichten zu verbreiten. Diese Leiden kämen auch in Deutschland vor und könnten nur durch Geschlechtsverkehr übertragen werden. Dass seit längerem in Deutschland die Zahl der Syphilisfälle deutlich steigt, geht in erster Linie auf ungeschützten Verkehr von Männern mit Männern zurück.

Weit häufiger als die genannten Krankheiten sind unter Flüchtlingen die Infektionsleiden, die auch die ansässige Bevölkerung kennt: grippaler Infekt, Magen-Darm-Erkrankungen oder die klassischen Kinderkrankheiten. Das Risiko, sich anzustecken, ist für Flüchtlinge übrigens größer. Durch die Flucht ist ihre Immunabwehr geschwächt. Zudem leben sie in Gemeinschaftseinrichtungen, in denen sich ein Virus rascher verbreiten kann. Auch aus Sicht des Gesundheitsschutzes wäre es also wichtig, die bedrängte Wohnsituation zu beenden. Untersuchungen in Gemeinschaftsunterkünften haben gezeigt, dass viele Krankheiten nicht auf eingeschleppte Erreger zurückgehen, sondern darauf, dass sich jemand hierzulande ansteckte: Flüchtlinge sind keine gefährliche, sondern eine gefährdete Gruppe.