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16. November 2013

Olympia-Nein und Stadtentwicklung

Leitartikel: Die Kunst, zuhause zu sein

Nicht jede Verweigerung ist ein Zeichen von Mutlosigkeit. Insofern macht es sich der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, zu einfach, wenn er das Nein der Bürger zur Bewerbung Münchens um die Olympischen Winterspiele 2022 als Sieg der Mutlosen bezeichnet. Hier brach sich Bahn, was auch anderswo gärt – in Berlin im Kampf gegen die Gentrifizierung der Stadt oder in Freiburg, wenn sich eine Bürgerliste "Freiburg lebenswert" um Mandate im Gemeinderat bewirbt. Hier reklamieren Bürger die Besinnung auf das menschliche Maß. Die neue Landlust der Städter zielt in eine ähnliche Richtung – die Sehnsucht nach einer entschleunigten, beherrschbaren und überschaubaren Nähe in einer schneller werdenden, bedrohlich undurchschaubaren Welt.

Entsprechend harsch regieren viele, wenn Hektik und Gigantomanie in ihre Vorgärten eindringen. Die wachsenden Städte sind zum Eldorado für Bauträger und Anleger geworden. Denn viele wollen in Berlin, Freiburg oder München leben. Das treibt die Preise, zwingt zu Flächenversiegelung oder Nachverdichtung. Die Folge: Immer mehr Bürger können sich ihre eigene Stadt nicht mehr leisten. Und die verändert ihr Gesicht und ihren Charakter. Zwar haben alle Planer ihren Mitscherlich heute gelesen. Kein Neubauviertel ohne Bürgerbeteiligung. Aber die verkommt oft zum Versuch, die Bürger von der Sinnhaftigkeit längst beschlossener und von ökonomischen Interessen diktierter Planungen zu überzeugen.

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Dass die Klage des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich von der "Unwirtlichkeit unserer Städte" fast 50 Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches bei allen Schwächen an Aktualität gewonnen hat, liegt freilich nicht nur daran, dass bei dem mit der Losung "bauen, bauen, bauen" geführten Kampf gegen Wohnungsnot und Mietpreissteigerung wieder zunehmend seelenlose Architektur in Beton gegossen wird. Es hat auch damit zu tun, dass die damals propagierte Demokratisierung der Stadtkultur zu einer Kommerzialisierung verkommt, die Vieles nur noch denen anbietet, die es sich leisten können. Der Bürger fällt so nicht nur zurück in jenes "wohnungsheischende Abstraktum", aus dem ihn Mitscherlich befreit sehen wollte, er muss – man hat ja hinzugelernt – auch noch permanent bespaßt werden.

Aus diesem Blickwinkel gewinnt das Oberbayerische Nein eine andere Bedeutung. Gerade die Olympischen Spiele sind zum Symbol für gigantische Inszenierungen geworden, bei denen meist nur das Internationale Olympische Komitee profitiert, die ausrichtenden Orte aber zur Fernsehkulisse verkommen und ihre Bürger zu zahlenden Claqueuren. Drängte es München 1972 noch, ein weltoffenes und liberales Deutschland zu präsentieren, so würden viele dort ihre Stadt heute gerne verstecken, damit nicht noch mehr Zugereiste den Wandel vorantreiben – und die Preise weiter steigen lassen. Auch wenn sie nicht so weit gehen wie jene in Berlin-Kreuzberg, die mit Hilfe von Aufklebern Touristen aufforderten abzuhauen.

Da drängen sich jene "augenblicksbezogenen Triebwesen" ins Bild, zu denen Mitscherlich die mündigen Bürger in den Stadtwüsten verkommen sah. Öko-Biedermeier verbinden sich mit Zu-Kurz-Gekommenen. Das kann zu Veränderungsstarre, Intoleranz oder auch Fremdenfeindlichkeit führen. Wenn man es denn nur als Versuch einer satten, alternden Bevölkerung abtut, Besitzstand und Gewohnheiten abzusichern. Man könnte es aber auch als Mahnung sehen, Mitscherlichs Forderung nachzuspüren, Städtebau müsse die Identität eines Ortes markieren. Diese Identität so der Architekt Nikolaus Hirsch, diene inzwischen "in erster Linie den neuen urbanen Eliten als Ort der Inszenierung". Derweil gehen immer mehr Bürger einen anderen Weg. Sie versuchen sich schlicht in der Kunst, zuhause zu sein.

Autor: Thomas Hauser