Leitartikel: Geschichte eines Scheiterns

Fr, 01. August 2008

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Von Bettina Schulte

Als man dachte, es sei vollbracht, fing alles erst an. Heute genau vor zehn Jahren trat die Reform der deutschen Rechtschreibung in Kraft – nach 18 Jahren mühseliger Kleinarbeit in unzähligen Expertenrunden und politischen Gremien. Doch im Rückblick auf den Lauf der Ereignisse danach muss man es so formulieren: Das Regulierungswerk sollte in Kraft treten – denn so, wie die neue Orthografie des Deutschen gedacht war, wurde sie nie verwirklicht. Die Geschichte dieser Reform ist die Geschichte ihres Scheiterns.

Kein anderes Gesetzesvorhaben in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte war so umstritten wie die Rechtschreibreform. Befürworter und Gegner lieferten sich Kämpfe, die bisweilen an Glaubenskriege erinnerten. Angesichts der zwei Prozent des deutschen Sprachguts, die von der Reform berührt waren, mochte die Verbissenheit der Kontrahenten manchem Zeitgenossen als absurd erscheinen. Andererseits ist das Sprachgefühl ein sensibles mentales Territorium, in Sprachtraditionen und -gewohnheiten von Staats wegen einzugreifen, ein riskantes Unterfangen. Das immerhin hat das endlose Hin und Her um die Rechtschreibreform in aller Klarheit belegt. Bis heute ist sie in den Köpfen der Menschen nicht angekommen. Die jüngste Allensbacher Umfrage hat im April erst ergeben, dass nur neun Prozent der Deutschen die Reform bejahen, die Mehrheit (55 Prozent) aber nach wie vor lieber nach alter Väter Sitte schreiben würde – und es vermutlich auch tut.

Das wäre kein Wunder: Inzwischen weiß wohl kaum noch jemand, wie im Zweifelsfall richtig geschrieben wird – schon allein deshalb, weil sich der Gegensatz zwischen "richtig" und "falsch" im Zulassen von Varianten aufgelöst hat. Nicht weniger als 3000 orthografische Alternativen bietet der Duden in seiner jüngsten, der 24. Auflage an. Ob man "Polyphonie", "Phantasie" oder Choreographie mit "f" schreibt oder nicht, ob man "Stengel" oder das hässliche "Stängel" verwendet, ob man "leicht verdauliche" oder "leichtverdauliche" Kost bevorzugt, bleibt jedem jetzt selbst überlassen. Selbst das einzige unstrittige Reformergebnis, "ß" bei kurzem vorangegangenen Vokal durch "ss" zu ersetzen, wird oft genug falsch umgesetzt. Bei den Interpunktionen waltet, wenn der Eindruck nicht trügt, das komplette Chaos. Die Intervention von Gremien mit bürokratisch aufgeschwollenen Namen wie "Zwischenstaatliche Kommission" und "Rat für deutsche Rechtschreibung" sorgte dafür, dass die Verwirrung immer größer wurde – und am Ende die Erkenntnis übrigblieb, dass man sich das Herumzuppeln an der Sprache am besten hätte sparen sollen. Dazu aber war es längst zu spät: Millionen Schulbücher waren in der neuen Rechtschreibung gedruckt, der Reformbetreiber Duden machte beste Geschäfte.

Die Geschichte der Reform der Reform der Reform liest sich wie ein gigantischer Schildbürgerstreich, in dem Landespolitiker wie Linguisten, Journalisten wie Schriftsteller ihren Part gespielt haben. Als erstes scherte das Land Schleswig-Holstein per Volksentscheid aus der Rechtschreibreform aus. Es folgten mit ministerpräsidentiellem Machtwort von oben Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen. An der Medienfront tat sich besonders die FAZ hervor, die ihren aktiven Widerstand gegen die Bemühungen der Kultusminister, die deutsche Sprache zu vereinfachen, zu einem Akt zivilen Ungehorsams stilisierte. Andere – von Bild bis Spiegel – folgten. Spät wachten die eigentlichen Wächter der Sprache auf: Die Akademie für Sprache und Dichtung und die Schriftstellervereinigung PEN bliesen zum Kampf gegen die Reform, als die Sprache schon in den Brunnen gefallen war.

Oder auch nicht: Daran mögen sich die Geister bis heute scheiden. Doch wollen sie es noch? Die Schlacht ist geschlagen, unter hohem Einsatz mentaler Mittel, die Reform mit Zugeständnissen an ihre Kritiker seit einem Jahr verbindlich. Nun hält sich an sie, wer will. Oder: Sucht sich aus ihr heraus, was er will. Die Hausorthografie feiert vielerorts eine fröhliche Wiederkehr. Wie es euch gefällt, lautet die Devise. Und warum auch nicht? Die wahren Gefahren drohen der Sprache von anderswo. Die Dominanz der elektronischen Medien und des optischen Signals werden ihrer Schönheit und Eleganz – früher nannte man das Stil – schon noch den Garaus machen.