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09. Februar 2016

Kommentar

Super Bowl: Hype für eine Nacht - mehr nicht

Show und Sport, dargeboten von lauter Millionären – das macht den Super Bowl in den USA aus. Doch gibt es einen American-Football-Boom in Deutschland? BZ-Redakteur Georg Gulde glaubt: Nein, den gibt es nicht.

Es ist schon bemerkenswert, wenn sich in Deutschland zwei Millionen Menschen tief in der Nacht das Finale der besten US-Profiteams im American Football anschauen. Das liegt vor allem an drei Komponenten: an der Vermarktungsstrategie, an der zunehmenden Orientierung speziell jüngerer Menschen in Richtung US-Profisport – und an den Fasnachtsferien. Von einem American-Football-Boom in Deutschland zu sprechen, wäre indes falsch.

Für die US-Amerikaner mag das Finale der Profiliga NFL das sportliche Großereignis des Jahres sein. Trotz Basketball, Eishockey und Baseball ist American Football dort noch immer die Nummer eins. Kämpfen, attackieren, oft auch brutal sein – das lieben viele US-Bürger. Fast das ganze Land schaute zu, als am Sonntag das Team aus Denver die Mannschaft aus Carolina besiegte. Auch wenn die Regeln (für Europäer) kompliziert erscheinen, so geht’s in der amerikanischsten aller amerikanischen Sportarten im Grunde doch nur darum, Raumgewinn zu erzielen und Territorien zu erobern. Insofern passt American Football bestens zur amerikanischen Geschichte und zur amerikanischen Mentalität.

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Aber warum schauen in Deutschland 400 000 Zuschauer mehr zu als 2015? Die einfachste Erklärung: Es ist Fasnacht, fast überall Schulferien – also Zeit, um die Nacht zum Tag zu machen und allein oder mit Freunden das Spiel zu genießen. Hinzu kommt: Der Super Bowl ist nicht nur Sport. Er ist vor allem Show, mit Nationalhymne, ausgedehntem Liedchen-Trällern von Stars zur Halbzeit und dem für den US-Profisport charakteristischen Glamour, den Millionäre (Sportler wie Künstler) nun mal auszustrahlen vermögen, wenn Fernsehkameras auf sie gerichtet sind. Der Marktanteil des übertragenden TV-Senders Sat 1 lag bei der für die Werbung besonders wichtigen Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen bei 35,1 Prozent.

Die Werte kommen auch deshalb zustande, weil im frei empfangbaren deutschen Fernsehen zwei Sender die ganze Saison hinweg über die NFL berichteten und damit eine Kontinuität erreicht wurde, die es in den Jahren zuvor längst nicht immer gegeben hat. Welche Mannschaft im Finale da gegen welche spielt, ist indes gar nicht so wichtig. Im Gegensatz zum Basketball und Eishockey sind selbst die Namen der Spieler für den durchschnittlichen deutschen Super-Bowl-Zuschauer meist Schall und Rauch.

Ein Boom kann aber nur dann ausgelöst werden, wenn mit der Sportart auch eine Personifizierung stattfindet, Idole entstehen. Deshalb ist durch das NFL-Finale vielleicht ein Hype für eine Nacht entstanden, aber bestimmt kein Boom. Und überhaupt sollte man die Kirche im Dorf lassen: Die deutschen Handballer lockten vor Wochenfrist – zugegebenermaßen nicht zu nachtschlafender Zeit – bei ihrem EM-Titelgewinn 13 Millionen Menschen vor den Bildschirm.

Autor: Georg Gulde