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27. August 2011

Hungerkatastrophe in Ostafrika

Tödliche Versäumnisse

Die Herrschenden in Afrika müssen endlich ihrer Fürsorgepflicht nachkommen

Sein Name war Aden, er war drei Jahre alt und wog fünf Kilo. Seine Haut war zerknittert wie bei einem alten Mann, die Fliegen saßen in seinen Augenwinkeln. Er hatte Probleme, das bisschen Wasser, das die Ärzte ihm im Krankenhaus von Mogadischu einflößten, bei sich zu behalten. Es sind die Bilder von Kindern wie Aden, die die aktuelle Hungerkatastrophe am Horn von Afrika so anschaulich machen. Nach einem sättigenden Abendbrot sitzt man da vor dem Fernseher und kämpft mit den Tränen. Und fragt sich: Wie konnte das nur passieren?

Rational betrachtet muss man sagen, es war eine angekündigte Katastrophe. Nicht nur, weil Klimaforscher, auch afrikanische, die derzeit grassierende Dürre bereits vor zehn Monaten prognostiziert hatten. Sondern auch, weil in den hauptsächlich betroffenen Ländern Somalia, Äthiopien und Kenia seit Jahren vieles im Argen liegt. Die Hungerkrise, die nun mehr als zwölf Millionen Afrikaner bedroht, ist daher größtenteils menschengemacht: Die Versäumnisse wirken fatal zusammen und verstärken sich.

Da ist der Klimawandel, der die Menschen in Afrika überproportional trifft. In Kenia beispielsweise gab es früher alle acht Jahre eine Dürre; nun kommen die Trockenzeiten alle drei Jahre. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung rasant: Bis 2050 wird sie sich in Afrika auf 1,8 Milliarden mehr als verdoppel haben.

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Doch wie all diese Menschen ernähren? Seit 2008 schon steigen weltweit die Preise für Lebensmittel – unter anderem, weil die Nachfrage wächst, es mehr Naturkatastrophen gibt und sich der Bedarf an Biotreibstoffen erhöht. Afrika besitzt an sich viel ertragreiche Erde, der landwirtschaftliche Sektor aber wird seit Jahrzehnten von der Politik vernachlässigt. Dabei würden mehr staatliche Investitionen in Bewässerungssysteme, in besseres Saatgut oder in den Bau von Lagerhallen hier rasch Abhilfe schaffen. Es wird auch kaum Geld eingesetzt für die Infrastruktur, damit Bauern ihre Ernte zu den Märkten bringen können. So gibt es in Äthiopien derzeit Gegenden, in denen die Früchte an den Bäumen verrotten, während andernorts im Lande Tausende auf Hilfslieferungen aus den USA warten. Hinzu kommt in allen drei Ländern eine ausufernde Korruption, die Hilfsgelder für arme Regionen oft versickern lässt.

Das Desinteresse der Herrschenden am Horn von Afrika am Schicksal ihrer Bevölkerung ist erschreckend. Es geht so weit, dass Äthiopien – trotz wiederkehrender Hungersnöte – seit Jahren schon im großen Stil fruchtbares Land an China, Indien oder Saudi-Arabien verpachtet. Die produzierten Lebensmittel sind für den Export bestimmt, die äthiopischen Bauern gehen leer aus. Dieser Ausverkauf verschärft jetzt zusätzlich die Hungerkrise. Und selbst mit der aktuellen Situation wird noch Politik gemacht, werden die Hungernden zum Spielball streitender Interessen: In Somalia verweigern nicht wenige Islamisten den Hilfsorganisationen den Zugang zu den Hungernden. In Äthiopien bremst die Bürokratie Ärzte aus dem Ausland aus, die wochenlang auf eine Arbeitserlaubnis für die Flüchtlingslager warten müssen. Doch dass so viele Somalis derzeit über die Grenzen kommen, ist Addis Abeba ein Dorn im Auge.

Nicht mit Ruhm bekleckert hat sich auch die Afrikanische Union. Sie, die immer auf "afrikanische Lösungen" pocht und sich schnell vom Westen bevormundet sieht, hat nur mit Verzögerung getagt und jetzt Hilfe versprochen. Bislang haben vor allem westliche Organisationen und afrikanische Privatleute gespendet. Das sollten sie auch weiter tun – doch um künftig solche Hungerkrisen zu verhindern, müssen endlich auch die afrikanischen Regierungen der Fürsorgepflicht für ihre Bevölkerung nachkommen. Seit langem geloben sie, die Armut in ihren Ländern zu bekämpfen, mehr für Bildung und gegen die Korruption zu tun. Es ist an der Zeit, sie beim Wort zu nehmen.

Autor: Frauke Wolter