Viel Papier, wenig Antworten

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Fr, 22. Mai 2015

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Der Drogenbericht weicht wichtigen Themen wie dem Medikamentenmissbrauch aus.

Marlene Mortler hat einen 300 Seiten dicken Bericht vorgelegt. Doch die Quantität täuscht darüber hinweg, dass die Qualität dünn ist. Wo man Antworten auf drängende Fragen erwartet, bleibt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung erstaunlich stumm.

Stellt man die guten Nachrichten vorweg, dann sind es diese: Weniger Jugendlichen als in den vergangenen Jahren rauchen und sie fangen später damit an. Die Chance, dass sie dieses Gesundheitsrisiko ganz vermeiden, ist damit recht groß, denn die Raucherquote geht ab dem 30. Lebensjahr bei Männern wie Frauen zurück.

Erfreulich zudem, dass der Alkoholkonsum bei Jugendlichen abnimmt. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Zahl der Einweisungen in ein Krankenhaus aufgrund einer Alkoholvergiftung. Die Daten zeigen auch, dass das Phänomen "Komasaufen" nie eines war, das sich auf Jugendliche beschränkte, sondern alle Altersgruppen umfasst. In der Altersgruppe der 45 bis 49-Jährigen sowie bei den 50- bis 54-Jährigen ist die Zahl so hoch wie bei den Jugendlichen. Das ist seit Jahren bekannt, wird aber im Drogenbericht von Marlene Mortler (CSU) nicht thematisiert – wie übrigens auch bei ihrer Vorgängerin Mechthild Diekmanns (FDP) nicht. Indem sie es einfach zum Jugendphänomen erklärten, vermieden beide jede Diskussion über den Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft bis hin zum Missbrauch. Die Taktik geht seit Jahren auf.

Damit umgeht man auch die derzeit schwelende, lästige Debatte zum Thema Cannabislegalisierung. Das lehne sie ab, sagte Mortler am Donnerstag, es sei das falsche Signal. Ein Signal wofür? Hätte Marlene Mortler einen Blick in den sogenannten "Alternativen Drogenbericht" geworfen, der Anfang der Woche ebenfalls in Berlin von Drogenfachleuten aus der Praxis vorgelegt wurde, so hätte sie dort erfahren: Die Experten wissen, dass bei genetisch vorbelasteten Menschen Cannabiskonsum die Entstehung von Psychosen fördern kann. Zugleich macht diese Disposition anfällig für Cannabis. Daher sind sie überzeugt, dass es den Betroffenen mehr hilft, wenn sie ihren Joint in einem Fachgeschäft kaufen, wo der Gehalt des Wirkstoffes kontrolliert wird, statt in einer Schmuddelecke im Stadtpark. Sich wie Mortler dieser Diskussion aus Prinzip zu verweigern, ist keine politische Haltung.

Wie der Bericht überhaupt allen politischen und inhaltlichen Fragen aus dem Weg geht und im Aufzählen verharrt. So wird festgehalten, dass 2,3 Millionen Deutsche von Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig sind, weitere 4,6 Millionen Menschen haben einen missbräuchlichen Konsum, auch von Aufputschmitteln oder Appetitzüglern. Was die Ursachen dieser Entwicklung sind, warum offenbar immer mehr Menschen zu solchen Hilfsmitteln zur Bewältigung des Alltags greifen – wie auf viele Fragen gibt auch hier der Bericht keine Antwort.