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24. Dezember 2010 09:07 Uhr

Gastkommentar

Weihnachten, Geschenke, Familie – doch wozu taugt das Christentum?

Weihnachten jenseits von Watte und Wellness: Gibt es das? Vielen Menschen ist unklar, dass es sich um ein christliches Fest handelt – doch Weihnachten funktioniert auch so. "Wozu überhaupt noch Religion?", fragt Andreas Knapp in seinem Gastkommentar.

Alle Jahre wieder wird die Ausstellungshalle eines Leipziger Einkaufszentrums in eine künstliche Schneelandschaft verwandelt. Auf weißer Watte stehen Rentiere zwischen Plastiktannen und versetzen Alt und Jung in märchenhafte Weihnachtsstimmung. Vor einigen Jahren wagte eine christliche Gruppe, in dieser Szenerie ein paar kirchliche Weihnachtslieder zu singen. Das erregte Unmut: "Jetzt wollen sich die Christen auch noch Weihnachten unter den Nagel reißen!" Vielen in Leipzig ist nicht mehr bekannt, dass Weihnachten ein christliches Fest ist. Man feiert nicht die Geburt Jesu, sondern das Fest der Familie und des gegenseitigen Sich-Beschenkens. Wenn man Weihnachten auch ohne Christentum stimmungsvoll feiern kann, wozu dann überhaupt noch Religion?

Der Kern der Religion und ihre äußere Hülle

Es gibt vieles, wofür Religion gut sein kann. Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Religion sich oft positiv auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Religion dient auch als Garantin für moralisches Verhalten. Der Religionsunterricht soll Kinder zu anständigen Menschen und brauchbaren Bürgern heranbilden helfen. Aber all diese positiven Ziele können auch anders erreicht werden, so dass Religion eigentlich überflüssig ist. Und wenn man bedenkt, dass Religion auch negative Einflüsse hat, muss man erst recht fragen: Wozu soll sie gut sein? Denn immer noch werden Kriege "im Namen Gottes" geführt, und Menschen können aus Angst vor Gott psychisch erkranken.

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Die genannten Beispiele bleiben alle auf einer äußeren Ebene. Religion erscheint als Stimmungsmacherin, als Wellnessfaktor, als Munition für politische Propaganda. Der glühende Kern der Religion jedoch ist etwas ganz anderes. Im Zentrum steht die Ahnung, dass es etwas Größeres gibt, das unserem Kalkulieren entzogen ist. Manche Menschen erleben ein religiöses Empfinden, wenn sie staunend unter dem Sternenhimmel stehen. Andere sind unendlich dankbar für die Geburt eines Kindes. Jemand spürt, dass er sich in einer bestimmten Situation nicht von Geld verführen lassen darf, sondern gerecht entscheiden muss. Besonders in der Erfahrung von Freundschaft können einem die Augen dafür aufgehen, dass es einen Mehrwert gibt, der einem gratis zufallen kann. Liebende erfahren etwas "Absolutes", das heißt etwas, das herausgelöst ist aus der Welt des Machens und Berechnens.

Weihnachten bedeutet: Gott wird Mensch

Ist dieses Absolute, nach dem sich Menschen sehnen, dieser Hunger nach Glück und Liebe ohne Ende, nur ein frommer Wunsch, der ins Leere geht? Oder gibt es einen Gott, den wir in unseren Sehnsüchten erahnen und in unseren ehrlichsten Stunden berühren? Christen und Christinnen feiern an Weihnachten etwas Unglaubliches: dass Gott sich für unsere Welt interessiert. Interesse meint "dazwischen sein": Gott wird mitten in unserer Welt und Geschichte berührbar. Gott wird Mensch. Er begegnet auf Augenhöhe. Die tiefsten Sehnsüchte finden ein Gegenüber: In Jesus von Nazaret erfahren Menschen, dass ihr zerbrochenes Leben heil werden kann. Ausgegrenzte werden zu Tisch geladen. Die von Angst Gequälten schöpfen neues Vertrauen. Versöhnung erweist sich als stärker als Hass, und Gewaltlosigkeit kann Konflikte lösen. Und am Ende des Lebens Jesu zeigt sich, dass das Leben stärker ist als der Tod. Das letzte Wort hat die Liebe.

Wozu taugt das Christentum? Mit der Botschaft Jesu wird die Hoffnung geboren, dass die großen Sehnsüchte der Menschheit keine leeren Träume sind. Frieden und Liebe sind möglich. Wäre es nicht wunderbar, wenn christliche Weihnachtslieder diese Hoffnung besingen – selbst mitten in der weißen Wattewelt eines Leipziger Einkaufszentrums?

– Der Autor war bis 2000 Direktor des Freiburger Priesterseminars. Er lebt heute als Mitglied der "Kleinen Brüder vom Evangelium" in Leipzig.

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Autor: Andreas Knapp