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05. Dezember 2014

Wer kooperiert, kann das Klima besser retten

Mit verschiedenen Theorien lässt sich demonstrieren, wie die Erderwärmung am besten eingedämmt werden kann.

Der Schutz des Klimas gilt als komplexeste Aufgabe der Menschheitsgeschichte. Seit 20 Jahren ist es der UN-Klimakonvention nicht gelungen, ein wirksames Abkommen abzuschließen. Die Spieltheorie zeigt aber, dass dies nicht unmöglich ist.

Zwei Männer werden eines Verbrechens beschuldigt. Doch es gibt keine Beweise. Die Männer sitzen in Einzelhaft und können sich nicht absprechen. Dann schlägt die Staatsanwaltschaft den beiden getrennt einen Deal vor: Wenn keiner die Tat gesteht, werden beide aus Mangel an Beweisen freigelassen. Wenn beide gestehen, bekommen sie jeweils zwei Jahre. Wenn nur einer gesteht, bekommt er als Kronzeuge ein Jahr und der andere vier. Das bedeutet: Kooperation, also die gemeinsame Verweigerung der Aussage wäre für beide die beste Strategie. Doch wenn sie rational handeln, werden sie die Tat gestehen. Denn ein Geständnis führt im Schnitt zu anderthalb Jahren Gefängnis, ein Nicht-Geständnis im Schnitt zu zwei Jahren. Dieses sogenannte Gefangenen-Dilemma zeigt, dass absolut rational handelnde Akteure nicht zwingend zur besten Lösung, Kooperation, gelangen.

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Vor genau diesem Problem stehen die Klimaverhandlungen. Kooperation, also der gemeinsame Kampf gegen den Klimawandel, wäre die beste Strategie. Doch wenn der andere nicht mitzieht, hat der Vorreiter die ganzen Kosten, und die Klimaerwärmung geht trotzdem weiter. Aus diesem Grund ist die Klimaübereinkunft zwischen US-Präsident Barack Obama und Chinas Präsident Xi Jinping bedeutsam. Beide Akteure haben sich abgesprochen und konnten sich daher auf die beste Strategie einigen: den gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel.

Doch damit ist das Klimaproblem nicht gelöst: "Nicht in meinen wildesten Träumen glaube ich, dass das Abkommen von Paris die Lücke zum Zwei-Grad-Ziel schließen wird", sagt Yvo de Boer, der frühere Chef der UN-Klimakonvention. Dort soll nächstes Jahr ein neuer Weltklimavertrag geschlossen werden, der 2020 in Kraft tritt. Wenn das Zwei-Grad-Ziel aber nicht mit einem Big Bang erreicht werden kann, dann seien die Klimaverhandlungen mit einem Gefangenen-Dilemma zu vergleichen, das in mehreren Runden gespielt wird, sagt Michael Liebreich von Bloomberg New Energy Finance. "Sobald man die Klimaverhandlungen als wiederholtes Gefangenen-Dilemma versteht, ändert sich alles: Die Gewinner sind dann nicht die Trittbrettfahrer, da diese aus der Familie der Handelsmächte ausgeschlossen werden." Gewinner sind Länder, die "nett und klar sind, verzeihen und kooperatives Verhalten anderer belohnen, während sie unkooperatives Verhalten bestrafen". Dies ist die Siegerstrategie bei wiederholten Gefangenen-Dilemmata, wie sie Robert Axelrod in "Die Evolution der Kooperation" beschrieben hat.

Den Ehrgeiz unter

den Ländern anstacheln

Aber die Spieltheorie alleine reicht nicht aus, um den Erfolg bei den Klimaverhandlungen sicherzustellen. Dies zeigt sowohl das Kyoto-Protokoll wie die gescheiterte Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009. In beiden wurde ein sogenannter Top-Down-Ansatz verfolgt, also versucht von oben die erforderlichen Emissionssenkungen vorzugeben. Dies hat dazu geführt, dass nur noch ein paar europäische Länder dem Kyoto-Protokoll angehören und die Führer der Welt in Kopenhagen den vorbereiteten Vertragstext verworfen haben, um auf einem Blatt Papier ein paar wenige Punkte festzuhalten.

Seither folgen die Klimaverhandlungen einem Bottom-Up-Ansatz, das heißt, von unten her werden Klimaschutzmaßnahmen gesammelt, in der Hoffnung, dass sich die Länder gegenseitig zu Ehrgeiz anstacheln. Dies entspricht den Erkenntnissen der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom, die erforscht hat, wie gemeinsame Ressourcen wie Allmenden oder eben das Klima am besten verwaltet werden. "Aufgrund der Komplexität des Problems und der Vielfalt der Akteure war ihr Vorschlag, dass Entscheidungen so nah wie möglich am Geschehen und den Akteuren getroffen werden", schreibt das Norwegische Institut für Regionalforschung. Dabei erscheint der Top-Down-Ansatz als die logischere Variante: Wissenschaftler definieren ein CO2-Budget, das nicht überschritten werden darf, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll. Anschließend teilen die Länder das Budget unter sich auf. Doch dies ist ein Nullsummen-Spiel. Jede Tonne CO2, die ein Land ausstößt, muss ein anderes Land einsparen. "Ich glaube nicht, dass das möglich ist", sagte die Chefin der UN-Klimakonvention Christiana Figueres.

Aber braucht es dann überhaupt Klimaverhandlungen? Ja, sagt Todd Stern, der US-Verhandlungsführer: "Internationale Klimaabkommen geben den Ländern das Vertrauen, dass die anderen Länder mitziehen. Sie senden ein Signal an andere Akteure auf subnationaler Ebene und in der Wirtschaft. Und sie zwingen die Länder Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Klimaziele auch zu erreichen."

Autor: Christian Mihatsch