Wie moderne Medizin zum unwürdigen Tod führen kann

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Di, 14. Februar 2017

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BUCH IN DER DISKUSSION: Matthias Thöns geißelt die falschen Anreize für Ärzte, Patienten und Angehörige.

Vorneweg eine Warnung: Dieses Buch ist sehr traurig und wühlt so auf, dass man es zwischendurch am liebsten zur Seite legen würde. Trotzdem ist es lesenswert, weil Matthias Thöns das allgemeine Schweigen über eine schlimme Fehlentwicklung beenden will. Dem Palliativmediziner geht es darum, dass wir den "Blick wieder stärker auf den kranken Menschen richten: auf seine wahren Bedürfnisse und auf das medizinisch Sinnvolle. Es soll aufrütteln und den Blick schärfen für die Paradoxien eines Gesundheitssystems, das darauf ausgerichtet ist, menschliches Leben um jeden Preis zu verlängern, und dabei viel Leid in Kauf nimmt."

Das Aufrütteln gelingt Thöns. Er schildert an konkreten Fällen, was die Überversorgung schwerkranker und sterbender Menschen für die Patienten und ihre Familien bedeutet. Damit wird anschaulich, was in Fachkreisen zwar schon lange bekannt ist, bisher aber seltsam folgenlos bleibt. "Primum non nocere", heißt eine Maxime aus dem antiken Rom, die das ärztliche Handeln bestimmen soll: Zu allererst nicht schaden.

Aus vielen Gründen ist diese Weisheit in Vergessenheit geraten. Viele Ärzte kennen ein Berufsverständnis, das Erfolg an viele aufwändige Therapien oder Eingriffe knüpft. Auch treibt die Sorge vor Haftungsrisiken Ärzte dazu, viel und manchmal zu viel zu tun. Und das geht oft mit einer rigiden Anspruchshaltung von Patienten oder ihren Angehörigen einher. Man verlangt das Maximalprogramm, obwohl manchmal weniger mehr sein könnte.

Thöns sieht zudem wirtschaftliche Einflüsse am Werk. Im Gesundheitswesen gebe es Fehlanreize, "um Apparatemedizin anzuwenden, immer neue Chemotherapien einzusetzen und große Eingriffe durchzusetzen. Übertherapie wird hierzulande honoriert und Leidensminderung bestraft – zumindest finanziell. Unser Gesundheitssystem ist krank." Natürlich ist der letzte Satz eine arge Zuspitzung. Muss man gleich das ganze System als "krank" bezeichnen, wenn man eine zugegeben schwerwiegende Fehlentwicklung schildert? Nein, das muss man nicht. Aber Thöns wählt nun mal diesen Stil und scheut auch vor Plattitüden der besonderen Art nicht zurück ("Eigentlich müssten einige Krankenhäuser verpflichtet werden, am Eingang überdimensionale Schilder anzubringen, die man bislang nur von Zigarettenpackungen kennt: Vorsicht, Übertherapie führt zu einem qualvollen und früheren Tod"). Thöns, keine Frage, ist zornig, was auch erklärt, warum er sein Anliegen in immer neuen Varianten vorbringt. Ab einem bestimmten Punkt wird dies redundant. Ein strengeres Lektorat hätte dem Buch, das in Wahrheit eine Anklage und Kampfschrift ist, nicht geschadet. Trotzdem ist es ein wichtiges Buch zur rechten Zeit, es muss zum Thema der ganzen Gesellschaft werden.

Warum hat der Bundestag nicht längst eine Enquete-Kommission zur medizinischen Versorgung berufen? Wie kann es sein, dass ein angesehenes Gremium wie der Nationale Ethikrat ein differenziertes Gutachten über das "Patientenwohl als ethischer Maßstab für das Krankenhaus" erstellt und dieses dann sang- und klanglos in den Archiven oder Amtsstuben der Gesundheitsministerien, Ärzte-Vereinigungen, Krankenkassen und Abgeordnetenbüros verschwindet? Offenbar ist es den Funktionären und Politikern ganz recht, nicht über die Missstände sprechen zu müssen, die der Ethikrat schildert. Und dazu zählt auch das Vergütungssystem der Kliniken, das der Rat nicht in Bausch und Bogen verdammt – das aber seines Erachtens stark "auf das Handeln und Anwenden von aktiven Maßnahmen" abhebt, "wodurch auch Anreize für überflüssige, doppelte und somit unnötige Maßnahmen entstehen können, die den Patienten zusätzlich belasten."

Thöns’ Klage ist also keineswegs die Marotte eines skurrilen Einzelkämpfers: Er bringt sie nur plakativ-zugespitzt vor. Das ist legitim, weil so vielleicht die überfällige Debatte in Gang kommt. Dass Politiker und Funktionäre sie meiden, hat ja einen Grund: Sie fürchten, als "Sparkommissare" und "Kostendämpfer" da zu stehen. Diese Furcht ist verständlich. Wer sich vor Augen führt, wie faktenfrei und emotionsgeladen oft über sozialpolitische Fragen wie etwa Altersarmut debattiert wird, fragt sich bange, wie schwierig erst eine Debatte zur Überversorgung von Kranken am Lebensende würde. Schließlich gibt es wohl kein Thema, das mehr an Ängste und Unsicherheiten rührt. Trotzdem: Thöns zeigt eindringlich, dass im Interesse schwer Kranker das allseitige Schweigen ein Ende haben muss.