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23. November 2012

Leitartikel

Xavier Naidoo und seine Texte: Der Gegenrede wert

Die Normalität von Hass-Raps setzt nicht alle Normen außer Kraft

Ist der Fall überhaupt noch diskussionswürdig? Da veröffentlichen ein Sänger und ein Rapper ein Stück, in dem es um Kindesmörder geht – und um das, was jemand mit solchen Personen tun will. Die Wortwahl ist drastisch, die Mordszene grausam. Und das Lied hat Zeilen, die die Interpretation zulassen, da rede jemand der Schwulenfeindlichkeit und einer Sehnsucht nach einem Führer das Wort. Vergangene Woche wurden Xavier Naidoo und Kool Savas wegen ihres Stückes "Wo sind sie jetzt" angezeigt. Die zuständige Staatsanwaltschaft aber konnte keinen Anlass zu Ermittlungen erkennen. Ist die Sache noch der Rede wert?

Verschiedentlich wird dagegen argumentiert. Was Naidoo und Savas da vorbrächten, sei ja gerade im Genre HipHop nichts Neues. Und auch für Naidoo-Anhänger seien derart harte Töne etwas Gewöhnliches. In der Tat: Der Mannheimer hat solches schon früher gesungen. Und im US-amerikanischen wie im deutschen Rap lassen sich mühelos viele Texte finden, in denen Mord und Totschlag herrschen, in denen Sexuelles und Gewalttätiges in eins gehen und in denen Homosexuelle verunglimpft und bedroht werden. Aber: Solche Normalität setzt doch nicht alle Normen außer Kraft.

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Man solle sich mal andere Rapper anhören, die seien viel krasser, wird einem gern geraten. Aber wenn man – so beschönigend "derbe" genannte – Texte nun mal gar nicht hören will, weil sie gegen die eigene Auffassung davon verstoßen, wie Menschen miteinander umgehen sollten? Dann ist eben auch eine nicht ganz so krasse Variante von Hass-Texten nicht tolerabel.

Ignorieren lassen sich Frauen-, Schwulen- oder auch Demokratieverachtung vielleicht, solange sie unter der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Niemand muss sich ein Album eines Rappers kaufen, der in seiner Szene auftritt. Man kann auch das, was er von sich gibt, als pubertäre Phantastereien oder bloße Rollenprosa nehmen, und seinem Publikum zugutehalten, dass es sich mit so etwas bloß amüsiert. Spätestens aber wenn ein Prominenter wie Naidoo mit so etwas ernsthaft daherkommt, muss man sich fragen, was für Dinge er von sich gibt, die andere ebenso ernst nehmen könnten.

Und schon ist man mitten drin in der Debatte, was Kunst darf und soll in unserer Gesellschaft. Kritik sei ihre ureigene Rolle, heißt es gerne, auch die Provokation, der Tabubruch. Mal abgesehen davon, dass so der Künstler auf die Rolle des Hofnarren reduziert wird, dass ganze Dimensionen der Kunsterfahrung damit ausgeblendet werden, ist das Argument kein schlechtes. Macht und Herrschaft in Frage zu stellen, ebenso Konventionen und Traditionen, das steht der Kunst gut an. Die moderne Gesellschaft, die sich selbst immer wieder erneuert, braucht das sogar. Kapitalismuskritik oder Geschlechterdiskussion – in Liedern, Filmen und Theaterstücken wurden sie vorbereitet, formuliert, mitgetragen.

Musiker wie Frank Zappa hätten früher auch schon gegen das System agitiert, gerne auch mit vulgärem Vokabular. So geht das leuchtende Beispiel der Provokation. Sexuelle Tabus seien da an den Pranger gestellt worden, um das Zwanghafte der ganzen Gesellschaft zu beseitigen. Aber ist es das Gleiche, wenn ein Naidoo nun gegen ein angebliches Tabu angeht, das über serienweisen Ritualmorden an Kindern durch eine Bruderschaft von Würdenträgern liege? Wenn er sagt, er scheiße auf die Demokratie und Politiker als Psychos bezeichnet?

Nein, es ist nicht das Gleiche. Krude Verschwörungstheorien zu verbreiten, ist keine Aufklärung sondern Verdummung. Und primitive Ressentiments gegen gewählte Repräsentanten zu schüren, ist keine Provokation sondern Verachtung. Darüber zu reden, dagegen etwas zu sagen, dafür gibt es immer einen Anlass. Und sei es eine zurückgewiesene Anzeige.

Autor: Thomas Steiner